Die Sehnsucht nach Stubentiger und Co.


Die Corona-Krise schafft Platz für Tiere aus dem Tierheim. Doch Blauäugigkeit ist nicht angesagt. Auch nicht im Konrad-Adenauer-Tierheim in Köln-Zollstock, das seit über 150 Jahren besteht.

Tierschutz zu Zeiten von Covid-19. Durch Homeoffice, beschränkte Urlaubsreisen und die Suche nach mehr Sinn und Stabilität im Leben nimmt die Nachfrage nach Tieren zu. Denn sie vermitteln Liebe, Vertrauen und Beständigkeit. Werte, die vielen in diesen Zeiten fehlen. Dass die Nachfrage angestiegen sei, bestätigt auch Elke Sans, stellvertretende Tierheimleiterin des Konrad-Adenauer-Tierheims. „Viele würden gerne ein Tier übernehmen oder bieten eine Pflegestelle an. Sie sind im Homeoffice und können sich kümmern.“ Doch skeptisch ist Sans allemal. Was passiert mit den Tieren, wenn der Büroalltag wieder im Vordergrund steht? „Da herrscht eine gewisse Blauäugigkeit, denn ein Hund sollte nicht zehn Stunden zuhause alleine bleiben müssen.“

Elke Sans ist stellvertretende Leiterin des Tierheims. Sie liebt alle Tiere, doch Stubentiger ganz besonders. Auch zuhause hat sie Katzen als Haustiere.

 Auch wenn der Bedarf nach tierischen Zeitgenossen groß ist, dürfen bestimmte Überlegungen nicht außer acht gelassen werden. Möchte man wirklich im Winter nur bei Dunkelheit Gassi gehen, vor oder nach einem anstrengenden  Arbeitstag? Tages- oder Urlaubspensionen für Haustiere sind teuer. „Die Frage, wer sich bei Abwesenheit um das Tier kümmert, muss gestellt werden. Das kommt bei Gesprächen mit Interessenten immer auf den Tisch.“

Offene Grenzen – mehr Abgabetiere

Als die Grenzen für Reisende wieder offen waren, nahmen auch die Abgabetiere zu. Beobachtungen, die die gebürtige Mainzerin in den letzten Monaten gemacht hat. „Die Menschen sind in Krisenzeiten durchaus emotionaler. Ja, die Vermittlung läuft auch weiterhin gut.“ Sie und ihr Team hatten zu Beginn der Epidemie eher mit einer Überfüllung gerechnet. „Doch diese Erwartung wurde zum Glück nicht erfüllt.“   

Kurz vor Feierabend steht sie im Katzenhaus und versorgt die Samtpfoten. Ihr Herz schlägt eindeutig für Katzen. Selbst hat sie zwei zuhause, natürlich aus dem Tierschutz. Es klingelt. Sie wird ans Tor gerufen. Ein junger Mann möchte eine Tierquälerei melden. Sans gibt ihm die Telefonnummer des städtischen Veterinäramtes. „Wir mischen uns nicht ein. Tiere dürfen nur durch die Behörden sichergestellt werden.“ Wenn das geschehen ist, tritt das Tierheim in Erscheinung, und Sans und ihre Mitstreiter nehmen die konfiszierten Tiere auf. Für die gelten ganz bestimmte Regeln. Sans erzählt von Schicksalen, die ihr im Gedächtnis geblieben sind, denn eine Sicherstellung kann für Monate, gar Jahre andauern, sehr oft zu Lasten des jeweiligen Tieres. „Eine Besitzerin hat immer wieder auf Herausgabe ihres Hundes geklagt. Er musste deshalb Jahre bei uns bleiben, bis zu seinem Tod. Obwohl es durchaus Menschen gab, die ihn gerne ein neues Zuhause gegeben hätten. Solange das Gerichtsverfahren dauert, kann das Tier nicht weitervermittelt werden.“

 Häufig seien in diesen Fällen Hunde die Leidtragenden. Die meisten kommen gequält und geschunden ins Tierheim, da sie den Besitzern weggenommen wurden. Wie die 20 Dackel – 9 Welpen, 3 Rüden und der Rest Hündinnen, die zurzeit darauf warten, zur Vermittlung freigegeben zu werden. Die Weibchen fungierten als bloße Geburtsmaschinen, mit einer pausenlosen Produktion von Dackel-Welpen. „Da geht es nur um Geld“, sagt Sans. Häufig werden Einbrüche versucht, als Konsequenz ist das Tierheimareal mit Nato-Draht gesichert. „Die Halter wollen ihre Tiere zurück, dabei werden wir auch bedroht“, ergänzt die ausgebildete Tierpflegerin. „Eine Kollegin hatte schon mal eine Schreckschusspistole an der Schläfe, eine andere wurde mit dem Messer angegangen. Das kommt im Schnitt alle zwei Monate vor, häufiger jedoch sind verbale Nötigungen.“

Dann gibt es noch die Fundtiere. Die kommen und gehen. Mehr als die Hälfte der entlaufenen Hunde gelangen zu Herrchen oder Frauchen zurück. Bei den Katzen ist die Quote niedriger. „Da wird in Facebook gepostet, oder es werden Plakate aufgehängt, doch die wenigsten Katzenhalter kommen auf die Idee, mal im Tierheim nachzufragen. So bleiben viele der Samtpfoten für ihre Besitzer verschwunden, obwohl sie bei uns sehnlichst warten.“

Wie auf dem Bauernhof

Doch es werden nicht nur entlaufene oder ausgesetzte Hunde und Katzen gefunden. Um Berti, die Ziege oder Peppa, das Hängebauchschwein, wollte sich niemand mehr kümmern. „Peppa wurde auf den Rheinwiesen gefunden. Wahrscheinlich war sie für ihre Besitzer zu groß geworden.“

Auch Peppa wartet auf ein Zuhause.

Bilbo kann endlich wieder ein paar Schritte gehen. Der Masthahn wurde von einem Tierfreund abgegeben. Er war kurz vor der Schlachtung und so fett, dass die Füße sein Gewicht nicht mehr trugen. „Er wurde bei uns auf strenge Diät gesetzt.“ Sans öffnet das Gatter und bringt dem Gockel frisches Grünzeug. „Sein ständiger Hunger ist der Qual-Aufzucht zu verdanken, der geht nicht mehr weg.“ Und Leonie, ein zu groß geratenes weißes Kaninchen, möchte nur zusammen mit einem Gefährten vermittelt werden.

Bilbo ist noch auf Diät!

Leonie möchte nur mit einem Gefährten zusammen vermittelt werden.

Die Wahl-Kölnerin erzählt von Abgabetieren, die nicht mehr gewollt sind. Vor allem nicht in der Urlaubssaison. Scheue Katzen möchte niemand und große Hunde haben auch schlechte Karten. „Auf eine problemlose Wohnungskatze oder einen kleinen, artigen Hund kommen schon mal 40 Bewerbungen“, betont sie. Kölner Wohngenossenschaften erlauben keine großen Hunde, nur Tiere unter 40 Zentimeter Schulterhöhe und unter 20 Kilogramm Gewicht.

Immer wieder werden Wasserschildkröten ausgesetzt und landen im Tierheim.

Zwei junge Männer melden sich an, um Vierbeiner auszuführen, die in die Kategorie Listenhunde fallen. „Alle unsere Gassigänger haben einen Sachkundenachweis. Nur mit dem darf man mit diesen Hunden raus.“ Wer einen Listenhund will, muss eine Genehmigung der Stadt vorweisen. „So kann es passieren, dass bestimmte Rassen, wie Bullterrier und American Staffordshire, mehrere Jahre auf ein Herrchen oder Frauchen warten müssen. Manche bleiben dann für immer bei uns“, sagt Sans. Geduld ist zweifellos angesagt. Neben einem Veterinär arbeitet das Tierheim auch mit zwei Tiertrainern zusammen.

Jedes Tier hat einen guten Platz verdient 

Selten sind Pensionstiere, die nur für eine Zeitlang Aufnahme finden, da ihre Besitzer im Krankenhaus liegen oder auf Reisen sind. „Dafür haben wir Tagespauschalen.“ Auch eine Quarantänestation hat die Einrichtung. „Alle Tiere sind bei Abgabe gesundheitlich durchgecheckt“, bekräftigt Sans. „Wir sagen aber auch, wenn Tiere krank sind. Mit Diagnosen gehen wir ehrlich um.“

Jedes dieser Lebewesen hat einen guten Platz verdient. Ein Hund oder eine Katze gegen die Einsamkeit? Die Corona-Situation kann durchaus der richtige Zeitpunkt für ein Haustier sein. Doch was passiert nach der Pandemie? Erst wenn diese Frage geklärt ist, kann ein Tier zu einem wundervollen Wegbegleiter werden. Und dann sollte man auch für den tierischen Begleiter da sein. Ein ganzes Leben lang.

 

Die Vermittlungsgebühr für Katzen beträgt zwischen 110 und 125 Euro, für Hunde zwischen 190 und 300 Euro, andere Tiere gibt es auf Anfrage. Das Konrad-Adenauer-Tierheim ist eine Privatinitiative und wird durch den Tierschutzverein geführt. Es ist auf Spenden angewiesen. Für Fundtiere und Sicherstellungen gibt es zwar einen Tagessatz von der Stadt Köln, jedoch nur für eine maximale Zeit von sechs Monaten.

Das Konrad-Adenauer-Tierheim in Köln freut sich über Spenden.

Volksbank Köln Bonn
IBAN: DE65 3806 0186 7202 7770 10
BIC: GENODED1BRS
oder via PayPal

Über sl4lifestyle

Journalistin aus Leidenschaft, Tierschützerin mit Hingabe und neugierig auf das Leben. Ich stelle Fragen. Ich suche Antworten. Und ab und zu möchte ich die Welt ein Stückweit besser machen ... Manchmal gelingt es!
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