Tierwohl in der Entwicklungshilfe

Von Sabine Ludwig

Eine Frage der Ethik: Der weltweite Schutz von Nutztieren

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Ein besserer und artgerechterer Umgang mit Nutztieren wird von Tier- und Umweltschutzverbänden gefordert. Gerade jetzt ist das Thema brisanter denn je zuvor.

Ziegen, Schafe, Esel, Schweine und Rinder – ihr Besitz ist für Millionen Menschen überlebenswichtig. Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit (EZ) fördert im Rahmen der weltweiten Armutsbekämpfung die Nutzung, die jedoch viele Fragen aufwirft.

Das Tierwohl bleibt dabei oft auf der Strecke. Einkommensfördernde Maßnahmen durch die Vergabe von Nutztieren sind ein jahrelanger Trend in der EZ und werden selten im Sinne der Tierschutzgesetze überprüft. Die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass ein funktionierendes Miteinander von Mensch und Tier nur möglich ist, wenn artgerechte Haltung, Respekt und Ehrfurcht vor dem Leben der Tiere auf allen Ebenen umgesetzt werden. Dies fordern immer mehr Menschen, denen Tierschutz und Ethik wichtig sind und die Hilfsorganisationen durch Spenden unterstützen.

Deutsche Ärztin vor Ort

„Ich habe lange Zeit in Äthiopien gelebt. Was mir dort als erstes aufgefallen ist, waren die vielen Fuhrwerke, die von Eseln oder Pferden gezogen wurden. Diese waren oft überladen, und die Tiere arbeiteten von früh bis spät. Danach wurden sie ausgeschirrt und mussten sich ihr Futter selber suchen. Die Tiere waren meist in einem erbärmlichen Zustand. Völlig unterernährt, übersät mit Wunden durch das scheuernde Geschirr, die kaum versorgt wurden. Die Einstellung zu den Tieren war wie zu einem täglichen Nutzgegenstand und nicht mehr“, sagt Dr. Simone Kann vom Missionsärztlichen Institut in Würzburg. Sie ist Internistin, Infektiologin und Tropenmedizinerin mit Schwerpunkt Internationale Gesundheit und Vernachlässigte Tropenerkrankungen (neglected tropical diseases, NTD).

„Viele Tierhalter in den Entwicklungs- und Schwellenländern, in denen die deutsche Entwicklungszusammenarbeit tätig ist, können die ihnen anvertrauten Tiere nicht entsprechend ihrer Bedürfnisse versorgen. Dies liegt zum einen daran, dass Tierschutz in ihren Ländern bislang kaum eine Rolle gespielt hat und daher das Bewusstsein für dieses Thema fehlt. Zum anderen leben viele dieser Menschen von weniger als zwei US-Dollar pro Tag. Wenn es um das blanke Überleben geht, gerät das Wohlergehen von Nutz- und Haustieren oft aus dem Blick“, sagt Christoph May von der Welttierschutzgesellschaft in Berlin.

Es sind häufig die Ärmsten der Armen, die weder Schulbildung noch eine anerzogene oder natürliche Empathie gegenüber ihren tierischen Schützlingen haben. Die deutsche Entwicklungspolitik hat diese Tatsachen kaum berücksichtigt – bis Corona das Leben veränderte.

Zoonosen als Ursache für Covid-19

„Aus medizinischer Sicht ist eine nicht fachgerechte Tierhaltung problematisch. Durch sie können zahlreiche, oft sehr gefährliche Erkrankungen, wie beispielsweise Zoonosen, die jetzt auch für Covid-19 verantwortlich sind, gefördert werden“, betont die Würzburger Ärztin. „Eine effektive Entwicklungshilfe im Bereich Veterinärmedizin sollte daher einen ganzheitlichen Ansatz umfassen, der die Aspekte Tierwohl, Sicherheit, Umwelt und Prävention sowie Interaktionen mit anderen Tieren und Menschen beinhaltet.“

Eine Studie im Auftrag der Welttierschutzstiftung unter in Deutschland ansässigen aber global agierenden Nichtregierungsorganisationen sowie der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) befasste sich 2020 mit dem Einsatz von Nutztieren in Landwirtschaftsprojekten. Nachgefragt wurde auch, ob begleitende oder verpflichtende Maßnahmen für das Wohlergehen der vermittelten Tiere sichergestellt wurden. Gab es in diesem Zusammenhang Schulungen, die Sicherstellung von Futtermittel oder eine tiermedizinische Versorgung?

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Durch eine nicht fachgerechte Tierhaltung können Zoonosen, wie jetzt bei Covid-19, entstehen.

„Abgesehen von einer Ausnahme verfügte laut eigener Aussage keine der 19 befragten Organisationen über konkrete, verpflichtende Vorgaben zur Nutztierhaltung, an die sich die lokalen Projektpartner und Tierhalter halten müssen. Vereinzelt finden bei einigen Hilfswerken Tierschutzmaßnahmen statt, dabei handelt es sich jedoch nicht um ganzheitliche Konzepte“, betont May. „Unsere Umfrage und erste Gespräche mit den Organisationen haben allerdings gezeigt, dass es grundsätzlich eine große Bereitschaft gibt, das Tierwohl als wichtigen Baustein nachhaltiger Entwicklungszusammenarbeit zu stärken. Deshalb werden jetzt im nächsten Schritt ein Informationsportal aufgebaut, Tierwohl-Leitlinien entwickelt und Pilotprojekte für deren konkrete Anwendung umgesetzt.“

Deutsche Fördermittel

Rund 80 Prozent der an der Studie teilnehmenden Nichtregierungsorganisationen beziehen für ihre Nutztierprojekte Fördermittel von deutschen Ministerien. Ein Großteil von ihnen sieht die Politik in der Verantwortung, sich stärker mit Tierwohl zu befassen.

„Dazu gehört aber auch eine gute Infrastruktur, die in vielen Entwicklungsländern mangelhaft ist. Auch deshalb fehlt es an Tierärzten, Tierimpfungen und -medikamenten. Fleischkontrollen sind meistens unzureichend oder nicht vorhanden“, erklärt Kann. Sie forschte in den letzten Jahren in Kolumbien. „Indigene Bevölkerungsgruppen erhielten dort Herden von Rindern, Schafen und Ziegen. Viele Tiere starben, weil sie sich selbst überlassen waren. Das reichte für eine erfolgreiche Viehwirtschaft nicht aus. Mittlerweile hat man dazu gelernt, aber es wäre besser gewesen, die Tiere nicht einfach zur Verfügung zu stellen, sondern den Aufbau einer Viehwirtschaft durch Fachleute begleiten zu lassen.“

Während der Corona-Pandemie ist das Thema brisanter denn je. Ein artgerechter Umgang mit sogenannten Nutztieren, die Menschen in vielen Teilen der Welt das Überleben sichern, hätte in der bilateralen Zusammenarbeit schon längst in den Fokus gerückt werden müssen. Denn nur wenn Tierschutz innerhalb einer nachhaltigen und ressourcenschonenden Landwirtschaft zum Tragen kommt, wird glaubhafte Entwicklungshilfe, die auch Spenderinnen und Spender gerne unterstützen, möglich.

Diese Reportage wurde in unterschiedlichen Medien veröffentlicht.

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Journalistin aus Leidenschaft, Tierschützerin mit Hingabe und neugierig auf das Leben. Ich stelle Fragen. Ich suche Antworten. Und ab und zu möchte ich die Welt ein Stückweit besser machen ... Manchmal gelingt es!
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Eine Antwort zu Tierwohl in der Entwicklungshilfe

  1. marie910 schreibt:

    Solche Bilder sind mir leider auch bekannt. Es müssten sich viel mehr Menschen im Tierschutz im In- und Ausland engagieren, damit gezeigt wird, wie man es anders machen kann.

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