Wolfgang Joop: Es gibt kein Nichts

Heute ist in Deutschland der sogenannte Volkstrauertag. Dies nehme ich zum Anlass, um einen besonders schönen Bildband vorzustellen. Es geht um die Reise, die wir alle einmal antreten müssen. Die unvermeidlich Letzte, die in unserem Leben passieren wird, wenn wir nicht an die Auferstehung oder Reinkarnation glauben.
Das Buch entstand während einer Reise durch Deutschland, eine Reise von Sylt bis Konstanz. Fotograf Clemens Menne machte zahlreiche Bilder von Grabstellen berühmter oder unbekannter Verstorbenener. Stimmungen wie Trauer, Hoffnung, Menschlichkeit und sogar Humor wurden darin verewigt.

Modedesigner Wolfgang Joop beschreibt in seinem Vorwort, welchen Eindruck auf ihn der Titel „Die letzte Reise“ macht. Er klinge wie ein Buch übers Reisen. Vielleicht mit bunten Bildern der letzten Entdeckungstour. Und ein Reisender sei auch er – noch immer auf der Suche nach dem Heimatort, der, das wisse er seit dem Tod seiner Mutter, nur und ausschließlich der Ort sei, wo man erwartet werde.

„Als ich von meinem langen Aufenthalt in Amerika zurück nach Potsdam kam, entwarf ich einen ruhenden Engel als Grabskulptur in märkischem Sandstein. Er sollte, ohne Arme, nur mit schlaffen Flügeln, ein Sinnbild des ‚Zurruhekommens‘ sein. Der Körper ruht entspannt auf einer Bank, und sein Blick ist nach innen gekehrt. Als mein Vater starb, brachte ich die Skulptur an sein Grab. Zu meiner Überraschung wurde sie zum Stein des Anstoßes – mal entrüstet, mal amüsiert wahrgenommen.
Als Fremde dem Engel den Penis abschlugen, legte meine Mutter in regelmäßigen Abständen eine frische Blüte auf seine Wunde. Ich frage mich: Ist diese Art der männlichen passiven Pose so schockierend? Verstehen wir den Mann nur als Kämpfer oder Kameraden und wenn als Engelwesen, dann nur als Erzengel in Rüstung, gleichzeitig mit Schwert und Lilie bewaffnet? Ist es das männliche Drama, das es Hingabe mit Niederlage verwechselt?“

Wolfgang Joop

Clemens Menne: Die letzte Reise. Eine Bilder-Reise über deutsche Friedhöfe von Sylt bis Konstanz, 220 Seiten, zahlreiche Abbildungen in Farbe und schwarzweiß, 34 Euro.

Was denken Sie über die „letzte Reise“ im Allgemeinen und über „anrüchige“ Grabskulpturen im Besonderen? Diskutieren Sie mit – hier im Blog!

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