Gastautorin Sandra Dittrich: Das Udschat-Auge

Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte!

Der kalte Ostwind peitschte die Sandkörner durch die Luft. Sie trafen mein Gesicht wie tausende kleine Nadelstiche. Ich zog mir die Wollmütze über die kalten Ohren. Allein der salzige Geschmack auf meinen Lippen erinnerte mich daran, dass ich lebendig war. Tief über dem aufgewühlten Meer hingen dunkle Wolken. Seit dem Morgengrauen irrte ich zwischen den Dünen umher. Wer bin ich? Und wo bin ich, jagten die Gedanken quälend durch meinen schmerzenden Kopf. Ein Blitz zuckte zu Boden. Mühsam kämpfte sich der Donner durch das Tosen der Brandung. Es begann zu regnen. Schemenhaft tauchte aus dem Grau eine gegen den Wind gebeugte Gestalt auf. Die Umrisse der Person wurden immer klarer. Riesige Wellen rollten heran. Noch etwa Hundert Meter trennten uns. „Jonathan!“, brüllte die Frau, um das Heulen des Sturmes zu übertönen. Schon war sie zum Greifen nahe. Überglücklich warf sie ihre Arme um mich. „Jonathan!“ War ich Jonathan? „Wieso sagst du nichts? Warum bist du gestern Nacht nicht nach Hause gekommen? Es ist doch unser erstes gemeinsames Weihnachtsfest.“ Die Frau legte eine Hand auf ihren leicht gewölbten Bauch. Sie erwartete ein Kind.

„Ich weiß nicht“, hauchte ich. Ein Gefühl der Wärme breitete sich in meinem Herzen aus, während ich verzweifelt überlegte wer die Frau war. „Und wie siehst du aus?“ Mit aller Kraft versuchte die Retterin mich auf den zitternden Beinen zu halten, dann wurde es Dunkel vor meinen Augen. Ich sank in eine tiefe Ohnmacht.

Jonathan Miller, das war ich. Mein Gedächtnis kam zurück. Mit einem Male stand ich vor Gustavo Rodriguez Haus. Die Zeit schien verdreht, denn es war wieder gestern Abend. Der exzentrische Kunstsammler hatte mich wegen seines Hundes angerufen. „Guten Abend Herr Dr. Miller. Schön, dass Sie da sind.“ Er bat mich, mit einladender Geste, hinein. „Barny frisst seit heute morgen keinen Bissen mehr. Wenn er nicht bereits so alt wäre, hätte ich ja bis morgen gewartet. Ich wollte Ihnen den Weihnachtsabend nicht verderben“, entschuldigte er sich.

„Der gute Barny hat nur eine Entzündung. Wird wohl bald seine letzten Zähne verlieren“, stellte ich nach genauer Untersuchung des Tieres fest. Der treue Hund bekam vorerst eine entzündungshemmende Spritze gegen die Schmerzen. Als ich gerade gehen wollte, bemerkte ich einen flachen Gegenstand aus feinem blauen Glase, dessen Umriss einem Auge ähnelte. Er hing zwischen all den Sternen, Kugeln und Engeln an der festlich geschmückten Tanne, die in der Ecke des Wohnzimmers ihren Platz hatte. Rodriguez folgte meinem Blick. „Eine stürmische Nacht heute“, bemerkte er. „Darf ich Ihnen, zum Dank für Ihr Kommen, dieses Udschat-Auge hier überlassen? Es ist ein Regenerationssymbol aus Ägypten – das wieder hergestellte Auge des Horus, das im Zweikampf durch seinen Bruder zerstört wurde. In der Türkei gibt es diese Amulette heute noch.“
„Nett, aber ich bin nicht abergläubisch“, erwiderte ich.
„Bitte nehmen sie es“, drängte Rodriguez.
„Danke. Gute Nacht!“ Achtlos ließ ich das Amulett in meine Jackentasche gleiten.
P1110185 (Medium)„Fröhliche Weihnachten!“, rief Rodriguez. Ich setzte mich in meinen Wagen und fuhr los. Plötzlich, nachdem ich die Straße oberhalb der Steilküste passiert hatte streikte mein Auto. Das verflixte Handy lag, zu allem Übel, auf meinem Schreibtisch. So beschloss ich die restlichen vier Kilometer meines Nachhauseweges am Strand entlang zu laufen. Dabei hielt ich mich im Schutz der Dünen. Von Fern leuchtete ein schwacher Feuerschein. Ob jemand in Not war? Entschlossen steuerte ich auf das Flackern zu, obwohl ich dafür in die entgegengesetzte Richtung musste. Der Regen hörte auf, nur der raue Wind machte das Vorwärtskommen schwierig. Im Schein einer Sturmlampe kauerte ein Mann, dessen Miene sich bei meinem Anblick verfinsterte. Seine brüchigen Kleider deuteten darauf hin, dass er bereits seit Längerem im Freien lebte. Es war zu spät zum umkehren. „Hallo! Was tun Sie hier mitten in der Heiligen Nacht?“, sprach ich ihn an.

„Halts Maul! Oder setz dich her und trink ’nen Becher Rum mit mir. Bin auf der Suche nach Strandgut. Ist ’ne optimale Nacht dafür!“, krakeelte der Typ, der offensichtlich zu viel Zuckerwasser intus hatte. Er reichte mir einen Becher Rum. Ich zögerte. Der merkwürdige Kerl spuckte auf den Boden. Irgendein Gefühl sagte mir, es war besser, ich trank. Der Alkohol brannte in meiner Kehle, gleichzeitig verspürte ich einen harten Schlag auf den Hinterkopf. Ein explosionsartiger Schmerz durchzuckte mich. Es war als würde ich ins Unendliche fallen, getragen auf federweichen Kissen.
P1100186 (Medium)Als ich die Augen erneut öffnete, lag ich in meinem Bett. „Er ist wach. Gott sei Dank!“, rief die Frau vom Strand. Es war Ella, meine Frau, die mich besorgt betrachtete. „Du hast sehr unruhig geschlafen. Oh, diese Verbrecher!“
„Woher weißt du?“, fragte ich verwundert.
„Ich bin gestern vor Müdigkeit am Kaminfeuer eingeschlafen, und das am Weihnachtsabend. Heute morgen war dein Bett unberührt. Herr Rodriguez sagte mir du müsstest längst zu Hause sein. Da habe ich Angst bekommen, dein Auto könnte von den Klippen gestürzt sein. Deshalb habe ich die Polizei alarmiert und bin sofort los dich zu suchen. Kurz nachdem ich dich am Strand gefunden hatte, standen die Polizisten vor der Türe. Sie haben heute Morgen am Hafen zwei Einbrecher erwischt, die deine Brieftasche bei sich trugen. Die üblen Kerle waren betrunken und genauso unterkühlt wie du. Die haben während der letzten Tage die Villa von Karlsons ausgeraubt und wollten sich mit einem Fischerboot und dem Diebesgut absetzen. Einer der Beamten meinte, du musst einen sehr guten Schutzengel gehabt haben, weil du nur mit einer Kopfwunde davongekommen bist. Einer hat schon wegen schwerer Körperverletzung gesessen.“
„Ist doch alles gut“, beruhigte ich Ella. Die zeitweise, durch den Schock ausgelöste, Amnesie, verschwieg ich ihr lieber, da mein Traum während der Ohnmacht mir wieder auf die Sprünge geholfen hatte.

Nachmittags bekam ich Besuch. Gustavo Rodriguez erschien mit Barny. Der Hund schien recht vergnügt, genauso sein Herrchen. „Wir wollten Ihnen kurz unsere Aufwartung machen, da wir an Ihrer misslichen Lage nicht unschuldig sind“, erklärte der Kunstsammler. Barny wedelte bekräftigend mit dem Schwanz. „Also für die Autopanne muss ich meine Werkstatt zur Rechenschaft ziehen“, wehrte ich ab.
„Deshalb bin ich nicht hier. Dürfte ich wohl mein Udschat-Auge wieder haben?“, fragte Rodriguez höflich.
„Ach, das seltsame Amulett. In der Jacke“, erinnerte ich mich. Rodriguez nahm es aus der Tasche meines Mantels und hielt es vor meine blasse Nase. „Hier, Dr. Miller, nicht einen Kratzer hat es abbekommen.“ Rodriguez lächelte geheimnisvoll, und fuhr sanft über die zarte Glasoberfläche seines Schatzes. „Ich wollte Ihnen gestern als ich es einsteckte nur einen Gefallen tun“, gestand ich ihm mit einem verschämten Lächeln. „Ich weiß“, antwortete Rodriguez.
„Wieso haben sie mir das Amulett trotzdem gegeben?“
„Ich wusste auch, dass sie es in dieser Nacht brauchen würden, um zu überleben.“ Verblüfft starrte ich Gustavo Rodriguez an. Bevor er ging, drehte er sich noch einmal um. „Sehen Sie, Herr Miller, die Grenze zwischen Leben und Tod ist hauchdünn, wie das zerbrechliche blaue Glas des Udschat-Auges.“

Die Erlebnisse jener Nacht am 24. Dezember 2003 haben Ella und ich niemals vergessen. Ob es letztendlich das Christkind oder der Talisman war, der mich vor Schlimmeren bewahrt hatte, haben wir bis heute nie erfahren.

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Journalistin aus Leidenschaft, Tierschützerin mit Hingabe und neugierig auf das Leben. Ich stelle Fragen. Ich suche Antworten. Und ab und zu möchte ich die Welt ein Stückweit besser machen ... Manchmal gelingt es!
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2 Responses to Gastautorin Sandra Dittrich: Das Udschat-Auge

  1. Wunder gibt es immer wieder 😉 Eine Geschichte genau richtig zur Weihnachtszeit, schön.

  2. Avatar von Bibiana Esser Bibiana Esser sagt:

    Wirklich mal was anderes, vor allem am Meer statt in den Bergen – lässt sich super am Kamin vorlesen … Dankeschön dafür 🙂

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