Gastautorin Stefanie Lucia Mayer: Fußball, Fußball …

fuer sabine ludwig (Medium)Ich bin 35 und Single – viel mehr Worte braucht es kaum, viel mehr Worte habe ich aber, genau genommen Wörter. Und von denen habe ich viele. Sie liegen auf der losen Zunge und so fallen sie aufs Papier. Brisant, bizarr, berührt, bedrückt, bezaubernd und ebenso belanglos.

Jedenfalls habe ich viele kleine Geschichten, über die Jahre, über die Liebe, das Leben und den ganzen Rest, keine vernünftigen Ratschläge, keine neuen Erkenntnisse, nur Fragmente, nur Momentaufnahmen. Und vielleicht auch nie ganz und im nächsten Augenblick sogar sicher schon gar nicht mehr wahr.

Cat Next-Door

Foto: privat

Anstoß! Heißt das so? – Meine erste Geschichte!

Fußball, Fußball

Alle schreien „Tor, Tor“, ich schreie auch, ist gar nicht so schwer … und noch eins, och nö, doch nicht, fast alle machen „äh“, ich lass es, muss mich an mein erstes Gegröle erst noch gewöhnen, beim nächsten „oooh“ mach ich wieder mit, hmmm, keine Euphorie, ich fühl mich ein bisschen verkleidet, aber ich ziehe es an und durch … ein toller Abend … aber ohne Luis Figo macht mir Fußball keinen großen Spaß. Ob es den anderen Frauen genauso geht?

Anscheinend nicht, sie erklären lässig die Abseitsregel und sind sehr stolz dabei, als wär’s die Quadratur des Kreises. Ich bin entsetzt, können wir Frauen uns noch kleiner und blöder machen, wir lernen die ersten Gedichte im Kindergarten, wir machen Abitur, leiten Firmen und lösen hoch komplizierte Gleichungen und nun tun wir so als wär `ne Regel, die schon kleine Jungs verstehen, für eine durchschnittliche Frau ein Riesenproblem und ein Großereignis, wenn wir sie auch runterbeten können.

Nun ja, alle prahlen mit ihrem einstudierten Fußballwissen, eine übertrumpft die andere lautstark, ja hoffentlich hören die Männer, was für gebildete Weibchen sie da haben, geschmückt in SchwarzRotGold, die Brüste versteckt unter der schicken Schlandburka. Ich schau mich um. Eine Metro-Sexuelle-Pärchenfrau will sich besonders hervortun, ihr Mann ist nämlich gerade ungehorsam und beachtet sie zu wenig Er analysiert doch nicht tatsächlich das Spiel mit einem anderen Mann?! Ich schaue ihr gespannt zu, sie nickt heftig mit und haut noch ein paar gut eingeprägte Sachen raus, wieder im Ballbesitz wittert sie eine Torchance, das Tor scheine in diesem Falle ich zu sein. Hat sie bemerkt, dass ich ihr Getue nicht ganz ernst nehme und ihren Anpassungswillen zutiefst verachte? Sie wirft also erneut die abgeschmackte Abseitsregel in die Runde: „Wir Frauen verstehen die auch, stimmt’ s?!“

Sie guckt mich herausfordernd an. Natürlich tue ich das, zucke aber trotzdem hilflos mit den Schultern und stelle mich dumm. Die Singlemänner um mich herum freuen sich ein bisschen, es gefällt ihnen, sie sind klüger als ich. Die Regelexpertin freut sich auch über mein Unvermögen, eins : Null, ihr Freund ist stolz auf sie, was bleibt ihm auch übrig, irgendwann glaubt man ja alles. Ich freue mich, dass sich alle für meine Blödheit so unglaublich freuen können … meine Güte, ist das hier öde, ich brauche mehr Alkohol! Bier und Piña Colada sind im Angebot. Ich denke, der Cocktail ist für die Männer.
Ich bestelle mir einen Wodka-Martini und warte. Der Rest philosophiert immer noch über dieses Spiel, ich über ein anderes.

Also, wieso dürfen Männer denn eigentlich nicht mehr wie früher alleine „Fussi-Gucken“ (so ein doofes Wort – ist das „i“ eigentlich auch für uns Frauen?) gehen? Wann hat das begonnen, dass wir Frauen ihnen das Bier wegsaufen, statt ihnen eines zu bringen? Oder die Männer uns beim Shoppen begleiten? Auch was, womit ich mich noch nie so recht anfreunden konnte, also nicht, dass man mal zusammen Einkaufen geht, das kann durchaus schon Spaß machen, aber dieses generelle gemeinsam „Samstag durch die Geschäfte hetzen“ -was denken sich die, vor den ganzen Umkleiden geparkten Männer, die, wenn ich sie mir ansehe, nicht alle nach wirklichen Fashionistas aussehen – gelangweilt gucken oder lächeln, wenn Claudi den Kopf aus der Kabine steckt und sagt: „Schatz, hol mir das Kleid doch büdde nochma in M“, sicherlich doch nicht, „Wie schön, jetzt passt ihr endlich ’ne Nummer kleiner“.

Vielleicht versuchen sie sich mit „Blicken-in-die-anderen-Kabinen-erhaschen“ abzulenken, um trotzdem den Vorzeigefreund, den Mann des 21. Jahrhunderts zu verkörpern und sich in dieser Rolle trotzdem noch irgendwie zu ertragen. Und wir Frauen? Sind wir neuerdings nur eine perfekte Freundin, wenn wir mit unseren Männern immer gleicher werden oder haben wir die Dinge einfach nicht richtig verstanden? Ist alles ein riesiges Missverständnis und jetzt fügen wir uns unserem selbst gemachten Schicksal?

Ein Freund sagte mir mal, wenn Männer sagen, sie wollen eine sportliche Frau, dann meinen sie damit eigentlich nicht eine, die ihnen auf dem Mountainbike, dem Rennrad oder in den Asics die Show stiehlt, sie meinen schlicht, sie bevorzugen einfach eher den schlanken Typ. Also hübsch verschlüsselt. Und wenn es sich nun ähnlich mit dem Fußball verhält? Wollten sie vielleicht nur Verständnis dafür zum Fußball gehen zu dürfen, Spaß zu haben unter Männern, Bier trinken und ein bisschen Mann sein dürfen? Vielleicht hätte man lieber die Hunde nicht wecken sollen, vielleicht hätte man doch lieber den samstäglichen Streit oder welchen Tag auch immer in Kauf und wie ein Mann nehmen sollen, statt versehentlich und seitdem ständig seine Frau, wie einen brünftigen Bullen neben sich blöken zu hören, und sich dann lieber von ihr, in ihrem neuen und ganz selbstständig ausgesuchtem Paar Schuh, abends betrunken und glücklich aus der Kneipe abholen, das bisschen Gemecker über sich ergehen und nach Hause chauffieren lassen? Und dafür am nächsten Tag nach der Sportschau mit ihr – vielleicht nicht den großartigsten – aber immerhin noch – Sex zu haben, statt sie nun regelmäßig mit ihr anzuschauen.

Nun, ich stehe weiter an der Bar, meine Bekannte betrinkt sich, ihr Freund wird fahren. Ja, 2012 – angekommen. Liebe Emanzipation, ich gratuliere Dir, du hast es weit gebracht, wir wechseln uns brav und äußerst gleichberechtigt mit dem Nachhausefahren ab. Wir Frauen halten das Auswendig lernen der Abseitsregel für erstrebenswert und ein Zeichen von Intelligenz, jawohl, die Anerkennung ist uns sicher, wir bekommen sie endlich und wahrlich verdient.

Nur, wenn ich mich hier so umschaue, bekommt – würde ich mal sagen- die Bedienung die meiste. Aber das scheinen die anderen Weibchen hier nicht zu bemerken, schließlich betrachten sie die Kumpels als die eigentliche Konkurrenz, sie sehen ja fast genauso aus, nur dass den Männern die großen Trikots dann eventuell doch besser stehen. Ich schütte den zweiten Wodka-Martini runter, das muss ich immerhin nicht alleine! Fußballfans sind sehr kommunikativ, einer der Piña Colada-Männchen plappert auf mich ein, ein anderer, der sich dann doch noch etwas mehr nach Mann fühlt plappert lauter. Ich höre nicht zu, lächle aber freundlich.

Jetzt bahnt sich einer, der aussieht wie ein junger Fußballgott und mit sichtlich viel Testosteron den Weg zu mir. Ich hoffe, er erlöst mich, er tut es nicht, er gibt mir seine Nummer und macht einen, ach nee, nicht sein Ernst, Witz über Bälle und Brüste!

Erstaunlicherweise schießt er sich damit dann leider doch ins Aus, was für ein vergeudetes Talent. Ich lasse die und zwei weitere Nummern auf dem Tresen zurück und sehe, dass die anderen zwischenzeitlich wieder bei den Regeln und Verstößen angekommen sind. Ich stelle mich freiwillig ins Abseits, der Kreis schließt sich und der dritte Wodka-Martini hilft.
Meine Freundin kommt nach dem vierten …

Ihr Freund will schon! gehen. Sie versteht nicht, warum ich lache. Der Spielverderber fährt uns nach einer halben Stunde Genörgel ihrerseits und Gedrängel seinerseits endlich heim. Und während sie sich immer noch in ihrem XXL-Schweinsteiger-Shirt seine Anerkennung erhofft und den Ball nicht ruhen lassen kann, denkt er vermutlich einfach an die Frau, die ihm über den ganzen Abend wortlos und bildschön das Bier gebracht hat. Ich sage ihr das nicht und löse auf dem Rücksitz die Quadratur des Kreises – aber auch das sage ich nicht.

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3 Responses to Gastautorin Stefanie Lucia Mayer: Fußball, Fußball …

  1. Traurig, lustig und auch wahr!

  2. Avatar von ### ### sagt:

    Wunderschön und ehrlicher, als man manchmal zu sich selbst sein kann.

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