Gastautorin Sara Nelke: Begegnungen

P1130151 (Medium)Sara Nelke ist ihr Pseudonym. Geboren 1940 im kolonialen Indochina kommt sie Anfang der 1960er Jahre zum Studium nach Paris. Viele Jahre lebt sie in Frankreich, arbeitet als Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin. Ich begegnete ihr vor ein paar Jahren in Paris. Seitdem sind wir befreundet. Ihre Kurzgeschichten sind immer auch ein Stückweit autobiografisch.

Sie sitzt am Tisch in einer Bar. Die Musik spielt leise im Hintergrund. Sie schreibt, kritzelt Sätze, streicht sie wieder durch. Die Tür geht auf. Sie blickt hoch und sieht ihn, wie er langsam hereinkommt, die Treppen hinuntergeht.

Seine schwarzen Haare und dunklen Mandelaugen fallen auf. Das Licht erfasst ihn nur für einen Moment. Fasziniert schaut sie ihn an. Eine besonder Aura umgibt ihn. Er wirkt fremd, exotisch, geheimnisvoll. Auch er ist allein. Er bleibt an der Bar stehen. Bestellt sich einen Drink.

Sie zündet sich eine Zigarette an und betrachtet ihn wieder. Nach zwei Zügen zerdrückt sie sie im Aschenbecher. Sein Blick fällt auf sie. Begegnet den ihrigen. Immer wieder – Minuten, Stunden, Ewigkeiten. Sie gestikulieren nicht, sie lächeln sich nicht an. Die Blicke verharren. Sie können sich nicht mehr voneinander lösen.

Es wird versucht, Vergängliches aufzuhalten, nur für den Augenblick. Nicht für immer. Die Vergänglichkeit des Moments ist beiden bewusst. Er schiebt ihr einen Zettel zu. Darauf: Ein flüchtiges Fragezeichen. Schnell dahingekritzelt. Aus Angst, diese Begegnung könnte bereits Vergangenheit sein? Oder aus Angst, etwas Wichtiges zu verpassen? Sie weiß es nicht.

Sie nickt. Er kommt auf sie zu, an ihren Tisch. Wortlos setzt er sich, blickt sie an. Sie blickt ihn an. Sein Antlitz ist wunderschön. Er redet. Verharrt im Blick antwortet sie. Dann Schweigen. Gemeinsam gehen sie. Wortlos folgt sie ihm.

Sein Zimmer. Ein alter Holzschrank, ein Sofa und in der Mitte ein einfaches Bett. Schweigend küsst er sie. Sanfte Lippen pressen sich auf ihre. Verlangend erwidert sie seinen Kuss. Sein Hände ziehen sie aus, legen sie auf das Bett. Ihre Körper vereinen sich, verschmelzen. Dann liegen beide mit offenen Augen da. Schweigen. Er schläft ein. Sie blickt auf ihn, auf dieses wunderschöne, ebenmäßige Antlitz. Sie bemerkt ein kleines Muttermal auf seiner rechten Wange. Es unterstreicht die Besonderheit dieses Gesichts. Sie steht auf, zieht sich an und geht.

Lange begegnen sie sich nicht mehr. Dann, zufällig, treffen sie sich wieder. In einer anderen Bar. Man sieht sich, lächelt sich an. In ihren Blicken sind Harmonie und stillschweigende Übereinstimmung. Wieder diese langen, intensiven Augenblicke. Sie gehen nicht mehr aufeinander zu. Der Moment der Vergangenheit ist vorüber. Unwiderruflich. Die Faszination bleibt. Die vorhandene Leidenschaft wird unterdrückt. Man geht auseinander. Ohne Gruß, nur mit dem gleichen intensiven Blick. Einige Male noch treffen sie sich. Zufällig. Und sie verlassen sich wieder. Diese eine Nacht der Leidenschaft lebt nur noch in der Erinnerung. Eine schöne, nicht mehr zerstörbare Erinnerung.

Sie treffen sich ein letztes Mal. Sie erfährt, dass er nach wenigen Tagen für immer aus ihrem Leben gehen wird. Sie begreift es. Diese Tage könnten zur Ewigkeit werden. Sie sehen sich an. Sie nimmt sein Antlitz in sich auf mit dem Bewusstsein, ihn nie wieder zu sehen. Sie geht. Er folgt ihr. Ein letztes Mal umarmen sie sich, küssen sich. Schweigend. Dann verlässt er sie. Mit ihm geht ein Traum, ihr Traum. Irgendwann wird sie wieder ausgehen. In andere Bars. Auf der Suche nach einem Gesicht, seinem Gesicht.

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