Gastautorin Hildegard Lewandowsky: Die Tausendfüßler

Foto am 31-05-2013 um 16.39Hildegard Lewandowsky wurde 1934 in Berlin geboren und hat dort den größten Teil ihres Lebens verbracht. „Das allein ist schon eine Garantie für viel Humor, ohne den man hier ja ganz schön blass aussieht“, sagt sie. „Ich habe nun endlich mal Zeit dazu, das zu tun, was mir Spaß macht. Schreiben – Gedichte und Kurzgeschichten. Und die sind nicht mal in meinem Kopf entstanden, sondern haben für gewöhnlich einen realen Hintergrund. Deshalb sind sie wahrscheinlich ziemlich ulkig.“

DES EINEN LEID IST DES ANDEREN FREUD

Zwei Tausendfüßler wanderten
durch einen großen Wald.
Es regnete seit Tagen schon
und war empfindlich kalt.

Der Adolar schritt kräftig aus,
hoffte auf besseres Wetter.
Der andere jammert unentwegt.
Denn Waldemar, sein Vetter

beschwerte sich seit Stunden
wehleidig, müd und matt,
weil er an einer Menge Füßen
inzwischen große Blasen hat.

„Geh‘ du voraus, ich bleib zurück“,
sagt Waldemar, der Vetter.
„Das ist ja auch total verrückt,
ein Marsch bei diesem Wetter!“

„Mach was du willst“ sagt Adolar
und läßt den Jammerlappen stehen.
„Ich habe keine Lust zu warten.
Du mußt alleine weitergehen.“

Da saß der arme Waldemar
ganz traurig unter einem Steine.
Er gab sich voll dem Kummer hin
und zählte seine kranken Beine.

Im Sauseschritt kam eine Spinne
und suchte Schutz vor Wind und Regen.
„Hier ist es wirklich ziemlich eng;
man kann sich beinah nicht bewegen.“

„Ich brauch den Platz“, sagt Waldemar.
„Du kannst doch unterm Pilz dort sitzen.
Ich muß die wehen Füße strecken.
Der Pilz wird dich vor Regen schützen!“

Die Spinne sah die schlimmen Füße,
und Waldemar tat ihr sehr leid.
„Nun heul nicht rum. Ich werd dir helfen.
Wir ham‘ ja noch ne Menge Zeit!“

Die Spinne wob mit zarten Fäden
um jeden Fuß ihm einen Schuh.
Vorher hat sie noch drauf gespuckt.
Der Schmerz gab also deshalb Ruh‘.

Und als die Sonne wieder strahlte,
marschiert der Waldemar fürbaß.
Am Wegrand hilflos fand er Adolar
ermattet, müde, bleich und blaß.

„Ach lieber Vetter, hilf mir doch“,
so jammert nun der forsche Adolar.
„Das tut mir aber wirklich leid.
Ruh‘ dich nur aus!“ sagt Waldemar.

„Du mußt mir helfen. Glaube mir,
denn mir zu helfen, das ist deine Pflicht!“
So jammert herzerweichend Adolar,
doch Waldemar stört dieses nicht.

„Ich helfe dir mit einem guten Rat.
Üb in Geduld dich, lass das klagen.
Du wirst dich ganz bestimmt erholen.
Eine Frage nur von wen‘gen Tagen.

Und auf der Jagd nach den Rekorden
stürmst du dann wieder querfeldein.
Der ganze Schmerz ist schnell vergessen.
Ein Samariter wirst DU nicht geworden sein.“

Tausendfüßler Waldemar hat wehe Füße!

Tausendfüßler Waldemar hat wehe Füße!

Foto: H. Lewandowsky

 

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