„Ich bin in Münster geboren und im Ruhrgebiet aufgewachsen. Mit 21 Jahren Umzug nach München. Dort absolvierte ich die Ausbildung zur Ergotherapeutin und nahm an Theaterworkshops teil. Das Theater zog mich immer mehr an. Schließlich machte ich während eines mehrjährigen USA-Aufenthaltes an der Stony Brook University, N.Y., eine Schauspielausbildung.
Dann die Rückkehr nach München. Ich arbeitete an verschiedenen Bühnen und stand in verschiedenen Rollen vor der Kamera, leitete mehrere Kindertheatergruppen und engagierte mich als freie Mitarbeiterin in einem Projekt für misshandelte Frauen. In diesem Rahmen veranstaltete ich Workshops für die Mitarbeiterinnen. Außerdem begann ich, Kolumnen für ein Frauenmagazin zu schreiben und verfasste mehrere Romane.
Seit Herbst 2008 lebe und arbeite ich in Berlin.“
Kalifornien im Mai
Meine Sicht der Dinge! Drei Monate Palo Alto, nah bei San Francisco im immer sonnigen Kalifornien. Palo Alto ist eine richtig süße Stadt, eingebettet in einen riesigen Park, so scheint es. Die kleinen amerikanischen Holzhäuschen stehen beschützt von jungen, alten und uralten Bäumen, selbstbewusst und scheinbar einfach nur so herum. So jedenfalls erscheint es mir und so gefällt es mir. Dabei ist jedes Haus anders, grad so, wie sein Besitzer es haben möchte.
Manche sehen so aus, als ob sie zuerst aus Ton gebaut wurden, in Miniaturausgabe abends am Küchentisch gestaltet (dann, wenn es fertig ist, stellt man es in den Garten und zaubert es über Nacht groß!) und batzt da noch was hin und am anderen Ende auch noch was. Gerade so, wie es seinem Besitzer in den Kopf kommt. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt und es gibt hier auch keine Gesetze, die gebieten, sich an bestimmte Normen zu halten.
Vor einer Woche habe ich mein Traumrad auf einem Flohmarkt gefunden. Ganz nach meiner Fantasie. So eines mit großem Bogen zwischen Sitz und Lenker, mit dicken Reifen, ohne Gangschaltung zwar, dafür aber mit einem breitem, gepolstertem Sitz. Und so radle ich gewissermaßen auf einem Sofa sitzend, durch diese Märchenstraßen, mit den süßen weißen Häuschen. Hier gibt’s nämlich überall, parallel zu den großen Straßen ganz besondere Radwege. An den Kreuzungen fährt man mit seinem Rad in eine kleine Einkerbung in der Mitte der Straße und löst damit eine Rotschaltung für die Autos aus. Kurz, ich fühle mich wie eine Königin, wenn ich unter den nicht endenden Baumalleen hindurch fahre und dann auf der University Street mit den Straßencafés ankomme. Endlos kann ich dort bummeln und mir die Leute begucken.
Alle Schattierungen des Lebens gibt es dort zu sehen. Natürlich fällt mir hier, in einer solch reichen Gegend die Armut besonders auf. Da gibt es eine Frau, deren Alter zu schätzen schwer fällt. Vielleicht ist sie schon ganz alt, vielleicht auch viel jünger als ich. Sie wohnt auf einer Bank, die in einer Art kleinen Nische auf der Straße steht. Dort hat sie ihren Schlafsack ausgebreitet. Dieser Ort bedeutet für sie Bett und Zimmer zugleich. Man muss es sich so vorstellen, dass die Passanten einfach durch ihr Haus gehen und sie all den Blicken der fremden Menschen ausgeliefert ist. Neulich habe ich beobachtet, wie sie immerzu vor sich hin redete, (das verstehe ich gut, weil ich auch so gerne mit mir selbst rede, auch in der Öffentlichkeit). Sie redete also vor sich hin und packte dabei kleine Päckchen aus einer Plastiktasche aus. So, als ob sie deren Inhalt kontrollieren wollte, um sich zu vergewissern, dass noch alles da ist und alles seine Ordnung hat. Anschließend faltete sie Päckchen für Päckchen wieder zusammen. Penibel und genau legte die Frau alles zurück in den Beutel. Gleich danach beobachtete ich, wie sie plötzlich ärgerlich mit der Hand etwas von ihrem Bett wegwischte. Ein Blatt vielleicht, das vom Baum gefallen war? Als nächstes strich sie noch einmal über ihr Bett, bevor sie sich erneut dem Inhalt ihrer Tüte zu widmen schien.
Schließlich zog sie eine andere Tüte hervor, holte etwas Essbares heraus und begann zu kauen, aber nicht bevor sie die leere Tüte ordentlich zusammengelegt hatte. Ich begriff, die Bank ist ihr Haus, mit allem Inventar eines richtigen Hauses. Da gibt es eine Küche mit Kühlschrank (Plastiktüte), ein Schlafzimmer (Schlafsack), ein Wohnzimmer (wenn sie auf dem geordneten Schlafsack sitzt), einen Garten (Parkbank), sogar einen kleinen Flur (Zwischenraum Parkbank und Gehweg). Wo sie allerdings ihr Bad hat, will ich als Badabhängige lieber nicht wissen!
Die vielen nicht geladenen Besucher, die ihr, (wie ich) schamlos in ihr Haus glotzen, bemerkt sie scheinbar nicht mehr. Hat sie sich im Laufe der Zeit einfach abgewöhnt. Deshalb hat sie auch das Recht, die Leute um Geld anzugehen. Einem einfach durch die Wohnung zu latschen, hat auch seinen Preis und sollte wenigstens einen Kaffee wert sein!
Ich bin froh um diese Frau (es gibt in diesem reichem Land unzählige homeless people), denn sie gibt mir das Gefühl der Sicherheit, weil sie immer am selben Ort lebt, und ich sie zu jeder Tageszeit antreffen kann. Die Frau ist meine heimliche Vertraute geworden. Natürlich bin ich bestürzt über diese Wahnsinnsunterschiede, zwischen ganz Arm und unverschämt Reich. Ich hab mir diese Frau, als eine Art Bühnenfigur ausgedacht. Eine Schauspielerin, die nur eine Rolle spielt. Sie beflügelt meine Fantasie. Vielleicht will ich mich auch bloß vom Dream of American Life, dass einem ständig über die Glotze eingebleut wird, verführen lassen.
Ja, das ist es, ich lass mich einfach mal verführen, alles positiv zu sehen. Genau danach habe ich zurzeit eine große Sehnsucht und den Ort des Verdrängens habe ich hier gefunden. Dieses Land ist überhaupt hervorragend zum Verdrängen geeignet. Wenn mich der Verdrängungsteufel ganz schlimm reitet, radle ich in die Palmen überdachte Shopping Mall! Da gibt es einfach alles.
Kerzenbeleuchtete Kerzengeschäfte mit passender Kerzenmusik und vor allen Dingen für mich als Geruchliebhaberin derartig tolle Duftläden, die reinsten Dufttempel sind das, in denen es die wohlriechendsten Seifen, Badezusätze und Körperpuder zu kaufen gibt, die man sich nur vorstellen kann.
Ich könnte endlos über das Ausmaß der Üppigkeit an Angeboten dieser Mall reden, aber ich will ja keinen Neid bei den Daheimgebliebenen erzeugen! Nur so viel: Das Ka De We in Berlin ist der reinste Krämerladen dagegen. Zum Glück ist mein Geldbeutel nicht groß genug, um das alles kaufen zu können. Aber ehrlich gesagt, vergeht mir hier die Kauflust, weil meine Augen nach kurzer Zeit so übermäßig satt sind, dass ich aus der Mall flüchten muss, um mich in meinem Lieblingscafé einer Buchhandlung wieder zu finden. Dort sitze ich dann in dem stillen Innenhof unter Arkaden, schreibe nichtssagende Ansichtskarten und beobachte die Leute um mich herum. Die einen lesen, andere schreiben oder sitzen auch einfach nur so herum und spielen Voyeur wie ich.
Die Mischung der Menschen in diesem Land gefällt mir außerordentlich. So wohnen wir als Mieter einer Schwarzen in einem süßen, wenn auch leicht zugebautem Reihenhäuschen. Unsere Nachbarn sind Chinesen, Mexikaner, Italiener, kurz: Schwarze, Weiße, Gelbe, ah ja: Auf keinen Fall zu vergessen, Klaus aus Thüringen, der seit einem halben Jahr amerikanischer Staatsbürger ist. Das haben wir erfahren, als wir auf der Suche nach einem dringend benötigten Schraubenzieher durch die Straße unsere Nachbarschaft liefen. Er war der einzige Mensch, den wir weit und breit entdecken konnten. Ein Mann, der in seiner Garage herumwerkelte. Das war Klaus aus Thüringen, der jetzt stolzer Amerikaner ist!
Überhaupt sieht man wenig Menschen einfach spazieren gehen. Die meisten leben versteckt in ihren Holzhäusern, (mein Vater würde sagen, Bretterbuden, aber das ist wirklich gemein), oder verbringen ihre kostbare Zeit in ihren Autos. Menschenleere Straßen in den Vororten sind normal. Dafür gibt es hier die wunderbarsten, großzügigsten Parks, die ich je gesehen habe, und da gibt’s jede Menge Leute, die Sport machen. Das ist sehr ansteckend. Inzwischen laufe auch ich jeden Morgen den Trimm-dich-Pfad entlang und mache brav alle Übungen, die auf den Tafeln angezeigt sind. Schließlich werde ich immer älter und muss retten, was zu retten ist!
Überhaupt sind beim Sport alle Nationalitäten vertreten. Sie spielen Volleyball, Fußball, Basketball und, und, und … Auf den Grillplätzen wird gegrillt und alle sind fröhlich und freundlich. Und die Freundlichkeit tut meiner deutschen Seele so gut. Jeder grüßt, fragt dich, wie es dir geht, freut sich, dich getroffen zu haben und wünscht dir je nach Tageszeit einen schönen Tag oder einen schönen Abend! Überhaupt schimpft hier niemand mit dir, beispielsweise, wenn dir im Laden mal sämtliche Schuhe aus dem Regal fallen, weil du dich so schusselig angestellt hast. Sofort kommt der Verkäufer und wischt mit ein paar freundlichen Worten all deine Schuldgefühle fort. Er sagt, dass alles überhaupt nicht schlimm ist und räumt alles wieder ein. Auch wenn du dann nichts kaufst, trotz deiner Schusseligkeit. Nein, er bedankt sich, dass du reingeschaut hast.
Inzwischen gehe ich sehr selbstbewusst in alle Geschäfte. Grapsche alles an, sage, Ahh und Ohh und verlasse hohen Hauptes das Geschäft. Im Gegensatz zu Deutschland, wo ich schuldbewusst hinaus schleiche, weil ich die kostbare Zeit von den Verkäufer(innen) gestohlen habe und sie dann mit leeren Händen habe sitzen lassen. Nein hier berieche und beschnuppere ich ungeniert alles. Alles ist so easy, schon beim Aufwachen! Ich entsteige dem King Size-Bett, in dem ich nachts immer mal wieder aufwache, weil ich denke, ich habe meinen Mann neben mir verloren. Zu Hause in unserem Bett trete ich ihn aus Versehen häufig, weil unser Bett viel schmaler ist. Wenn ich hier aus dem Bett steigen will, habe ich etwas Mühe auf den Boden zu kommen. Meine Beine schaukeln in der Luft, weil die Bettkante so hoch ist.
Was eigentlich auch wieder ein schönes Beispiel für dieses Land ist. Man weiß nie woran man ist, zum Beispiel bei den Nachrichten! Da erzählen sie einem die schlimmsten Sachen, das da zwei Schüler mit ihrem Revolver 14 Kinder getötet haben und du siehst, wie alle weinen, und mir steigen auch Tränen in die Augen, aber im Bruchteil einer Sekunde gibt es einen Schnitt und Reklame flackert über den Bildschirm, von einem glücklichen Hund, der so glücklich ist, weil er so ein gutes Futter kriegt. Man sieht, wie er mit seinem Herrchen durch einen wunderschönen, unkrautbefreiten Park tollt.
Lauter solche Sachen und da frage ich mich, was man da nun denken oder fühlen soll? Ob ich weinen oder mich doch besser über das Glücksfutter des glücklichen Hundes freuen soll, der jetzt ausgelassen im Park herumtollt. Also ich, wie gesagt, pfeife auf Traurigkeit. Ich bin auf einem Funtrip.
„Have fun!“, das ist im sonnigen Kalifornien ein Gesetz.
Gleich gehe ich jetzt laufen, in meinem Park, danach nehme ich eine Dusche, in meinem rosa Bad. So rosa, wie ich die Welt dort draußen sehe. Und dann wie jeden Tag, ab in mein Lieblingscafé unter den Arkaden, vorbei an der Schauspielerin, die eine obdachlose Frau spielt.



Ganz nett formuliert, aber definitiv nichts Besonderes. Schön, wenn man einen Typen aufgetan hat, der einem seine egozentrischen Selbstverwirklichungs“bemühungen“ finanziert!