Neue Reportage: Die „Buruli Ulcer-Familie“

Diese Reportage erschien am 12. August 2014 in der Zeitung Die Tagespost.

Am 12. August war der Internationale Tag der Jugend. Als Gedenktag soll er an die Bedeutung der Jugend als Lebensphase erinnern. Eigentlich ist das ein schöner Gedanke. Doch es gibt viele junge Menschen, die in Krisenländern leben und täglich mit Bürgerkrieg, Armut und Krankheiten konfrontiert sind. Später werden sie an die Zeit des Heranwachsens mit unterschiedlichen Gefühlen zurückdenken. Einige werden froh sein, sie überhaupt überlebt zu haben.

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERADer kleine Kofi Gabanet aus dem westafrikanischen Togo hat Buruli Ulcer am rechten Bein. Er wird seit fünf Monaten im Regionalkrankenhaus von Tsévié nördlich der Hauptstadt Lomé behandelt. Das Zentrum ist spezialisiert auf die Behandlung von Buruli Ulcer und wird seit vielen Jahren von der DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe e. V. unterstützt. Sein linker Fuß und der Arm sind befallen. Anne Braun hält seine Hand. Sie ist Volontärin der Fondation Follereau Luxembourg, einer Partnerorganisation des Würzburger Hilfswerkes. Die Stiftung finanziert das Projekt in Togo seit vielen Jahren mit. Braun macht ein viermonatiges Praktikum. Sie liebt es, mit den Kindern zu spielen und sie zu unterrichten. Der Elfjährige ist ihr ganz besonders ans Herz gewachsen. „Bei Kofi haben sich weitere Abszesse gebildet. Aber der Junge ist geduldig und weiß, dass er nach der Behandlung wieder ganz gesund wird“, sagt die 27-Jährige.

Das Krankenhaus von Tsévié

Das Krankenhaus von Tsévié

Seine Großmutter ist bei ihm. Der Rest der Familie ist im weit entfernten Dorf geblieben. „Wir sind eine richtig tolle Buruli-Familie“, sagt Anne Braun. Kofi nickt. Nein, seine Geschwister vermisst er nicht, denn er hat neue Freunde hier gefunden.

Die der Lepra verwandte Krankheit Buruli Ulcer trifft vor allem Kinder und Jugendliche und führt unbehandelt zu schweren Behinderungen. In Togo wurde daher im Regionalkrankenhaus Tsévié ein Behandlungszentrum mit therapeutischen Einrichtungen speziell für Kinder geschaffen und das nationale Buruli-Kontrollprogramm gestärkt. Aufgrund des konsequenten Aufbaus der Lepra- und TB-Programme über viele Jahre hinweg war es dem Würzburger Hilfswerk möglich, die vorhandene Infrastruktur auch zu Gunsten der Buruli Ulcer-Patienten zu nutzen.

Kofi (rechts) mit einem Freund im Krankenhaus.

Kofi (rechts) mit einem Freund im Krankenhaus.

Dr. Jörg Nitschke arbeitet für die DAHW ehrenamtlich in Togo. Der pensionierte Hamburger Chirurg zeigt auf ein paar Kinder, die im Hof des Krankenhauses spielen. „Das sind meine Patienten“, sagt er. Bei den meisten von ihnen erfolgt die Behandlung ohne Operation. Wann immer es seine Zeit erlaubt, schaut er nach den Kleinen. Er kommt immer wieder gerne nach Tsévié zurück, meistens bleibt er zwei bis drei Monate vor Ort.

„Die erfolgreiche Behandlung der Buruli Ulcer-Patienten ist nur durch die Initiative der DAHW möglich“, sagt Assoupui Amelé Adjeh. „Über diese Unterstützung sind wir sehr froh“, betont die Krankenhausdirektorin.

Anne hilft Kofi bei der täglichen Physiotherapie.

Anne hilft Kofi bei der täglichen Physiotherapie.

Sie blickt auf Anne Braun, die den kleinen Kofi immer noch an der Hand hält. „Ich habe ihm ein wenig Französisch beigebracht, vorher konnte er nur die Lokalsprache“, sagt die Luxemburgerin. Sie deutet auf die Holzkrücke, die an der Wand lehnt. „Die hat sich Kofi selbst geschnitzt.“ Sie lächelt ihm aufmunternd zu. Dann nimmt Kofi seine Krücke und macht sich auf den Weg ins Behandlungszimmer. Der Physiotherapeut wartet schon auf ihn – wie jeden Tag.

Info:

Gemeinsam mit der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) und des Bernhard-Nocht-Instituts (BNI) in Hamburg als Partner sowie mit dem europäischen Forschungsprojekt BuruliVac hat die DAHW in Togo ein Labor eingerichtet. Somit dauert die PCR-Diagnose heute nur noch sieben Tage. Es gab lange keine Möglichkeit, diese genetische Untersuchung, mit der man Buruli Ulcer eindeutig diagnostizieren kann, im Land selbst durchzuführen. Gewebeproben mussten für die Labordiagnose nach Deutschland geschickt werden. Erst nach fünf bis sechs Wochen lag das Ergebnis vor und der Behandlungsbeginn verzögerte sich entsprechend. Heute kann mit der Behandlung der Patienten umgehend begonnen werden.

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