Das Buch ist eine literarische Verarbeitung von Erinnerungen an Ulrike Meinhof und führt zwangsläufig in eines der dunkelsten Kapitel der noch relativ jungen Bundesrepublik.
Sehr gespannt war ich auf die Lesung von Meinhofs Stieftochter Anja Röhl. Gut zwei Stunden hat sie aus dem Buch vorgetragen, nichts dazwischen kommentiert sondern erst nachher. Ihr eigener Erzählstil erzeugte Spannung und auch Verständnis – ja, zumindest ein bisschen – für eine RAF-Terroristin, die Röhl als warmherzig und sensibel schildert.
Das Buch ist aber auch eine Abrechnung – mit dem gewalttätigen Vater, der schwachen, in eine desolate Frauenrolle gepressten Mutter und mit sich selbst als Missbrauchsopfer. Sie berichtet über Heimaufenthalte mit körperlichen Züchtigungen noch in den 1960er Jahren und immer auch von Naziattitüden der Älteren.
Als Tochter aus erster Ehe Klaus Rainer Röhls lernt Anja im Alter von fünf Jahren die neue Freundin und spätere Frau ihres Vaters kennen: Es ist Ulrike Meinhof. Es entsteht eine unerwartet intensive Beziehung, die über Jahre anhält, auch als Ulrike Meinhof in Isolationshaft in Köln-Ossendorf und später in Stammheim inhaftiert ist. Anja Röhl besucht sie im Gefängnis und erhält von ihr Briefe.
Anja Röhl beschreibt ihre Stiefmutter als Gegenpol zum sehr autoritären Umfeld ihrer Zeit – ganz anders, als ihre Halbschwester Bettina Röhl, die ihre Mutter entmythologisieren möchte. Das führte letztendlich auch zum Bruch mit der Halbschwester.
Anja Röhl: Die Frau meines Vaters. Erinnerungen an Ulrike Meinhof, 160 Seiten, 18 Euro.

