50 Jahre DED

collage (Medium)Mai 2013

Werbellinsee

Einige Jahre meines Lebens habe ich mit dem Deutschen Entwicklungsdienst, besser bekannt als DED, verbracht. Zuerst als Entwicklungshelferin in Westafrika, dann als so genannte Hauptamtliche in der Zentrale in Bonn. Warum ich mich so ausdrücke hat seine Gründe. Für mich und viele andere, die ich während dieser Zeit und auch danach kennenlernte, ist die Zugehörigkeit zum DED eine Lebenseinstellung. Klar, ich kann auch sagen, ich habe für den DED gearbeitet, aber es war mehr. Die Zeit war prägend für mich und meine Persönlichkeit und zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben.

Wie alles war …

Den DED gibt es nicht mehr. Zu Beginn des Jahres 2011 wurde er aufgelöst, vielmehr integriert in die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit, kurz GIZ. Somit entstand gemeinsam mit InWEnt und der ehemaligen Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) Deutschlands größter staatlicher Entwicklungsdienst. Chef ist das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ).

Aber der Reihe nach und das nur als Hintergrundinformation. Als ich vor etwas über einem halben Jahr vom DED-Freundeskreis und der Berliner Initiative ded50 die Einladung zum 50. DED-Gebrutstag bekam, sagte ich sofort zu. Und mit mir noch rund 750 weitere Menschen, die den DED kennen, lieben oder auch hasslieben.

Ende Mai trafen wir uns am idyllischen Werbellinsee nördlich von Berlin in der Europäischen Jugenderholungs- und Begegnungsstätte (EJB).

P1140548 (Medium)Die Anlage ist ein Überbleibsel aus DDR-Zeiten, und für den Ansturm riesiger Gruppen bestens ausgerüstet mit weitläufigem Park, der an manchen Stellen an einen Urwald erinnert, zwei großen Kantinen, einer so genannten Festhalle für Veranstaltungen aller Art und zahlreichen Herbergshäusern mit Doppel- und Mehrbettzimmern. Leider blieb der angrenzende Seestrand ungenutzt, da die Temperatur Ende Mai eher der im November ähnelte.
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Nichtsdestotrotz: Das Wiedersehen war überwältigend. Wie mir ging es vielen auch: Ich kannte die Gesichter, aber nicht mehr die Namen. Doch kein Problem, wir kamen schnell ins Gespräch, erinnerten uns an Anekdoten, die längst vergessen schienen, an Menschen und Wegbegleiter, die nicht mehr unter uns sind und viele, viele Ereignisse, die man in dieser Form nur als DEDler erleben konnte.
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Die Podiumsdiskussion „Entwicklungsdienst: gestern – heute – morgen“ fand in der Festhalle statt. Alle Plätze waren belegt, denn das Who is Who der deutschen Entwicklungszusammenarbeit hatte sich angekündigt: Dr. Erhard Eppler, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit von 1968 bis 1974, Uli Post, VENRO-Vorsitzender, Manfred Dassio vom DED-Freundeskreis und früherer DED-Landesdirektor in Kamerun, EZ-Beraterin Hildegard Schürings, die ehemalige Entwicklungshelferin Anke Müller-Belecke und Wolfgang Kreissl-Dörfler, Mitglied des EU-Parlaments.
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Bewahren und behalten

„Es gibt etwas, das man bewahren und behalten sollte“, brachte es Dassio auf den Punkt. Das zentrale Anliegen des Freundeskreises sei, den Entwicklungsdienst zurückzuholen, nicht als Kopie des DED, sondern vor allem wegen seiner Grundwerte. Müller-Belecke kritisierte die Entwicklungszusammenarbeit von heute „als starres Gebilde mit exorbitanten Personalkosten“, in der die Partner in den Ländern nicht mehr auf Augenhöhe wahrgenommen werden. Post sprach von einem neuen Leitbild für Entwicklungshelfer, das von der GIZ entwickelt und in einigen Monaten vorgestellt wird. Und dass trotz einer globalen Entwicklung die Solidarität vor wirtschaftlichem Eigeninteresse stehen müsse. Denn es ginge nicht mehr nur um die Vermittlung von Kompetenzen sondern um deren Austausch mit den Partnern vor Ort. Der DED hat sich immer stark auf die Zivilgesellschaft fokussiert. „Heute ist das anders“, sagte Müller-Belecke. „Die Zivilgesellschaft in den Partnerländern steht ganz hinten an.“

„Take care of your young people!“

Eppler war erstaunt, welchen menschlichen Zusammenhalt und welches Gemeinschaftsgefühl der DED hervorgerufen hat. Er bezeichnete ihn als Erfolgsmodell, als Dienst, der für viele Biografien prägend geworden sei. „39 Jahre nach meinem Rücktritt ist mir nicht gleichgültig, was aus dem DED wurde.“ Dann plauderte er aus dem Nähkästchen: Davon, dass sich die Presse Anfang der 1970er Jahre auf die Entwicklungshelfer gestürzt habe, genau dann, wenn mal was schief ging. Und er erinnerte sich an die Worte von Indira Gandhi: „You should take care of your young people yourself!“ Denn damals seien die Entwicklungshelfer viel politischer gewesen. Sie standen für eine neue Bewegung, für ein neues Lebensgefühl und die, die zu diesem Kreis gehörten, waren auch mit dabei am Werbellinsee und erzählten von früher, vom DED in den Kinderschuhen und wie sie damals von der Gesellschaft beäugt und wahrgenommen wurden.

Sabine Ludwig im Gespräch mit dem früheren Bundesminister Eppler.

Sabine Ludwig im Gespräch mit dem früheren Bundesminister Eppler.

Eine interessante Diskussion, die aber das Wichtigste nicht übersah: Ein neuer Freiwilligendienst oder ein neuer Entwicklungsdienst braucht in erster Linie finanzielle Hilfe vom Staat. Und daran wird wohl auch das Bestreben, etwas Neues zu etablieren, gelingen oder scheitern.
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Journalistin aus Leidenschaft, Tierschützerin mit Hingabe und neugierig auf das Leben. Ich stelle Fragen. Ich suche Antworten. Und ab und zu möchte ich die Welt ein Stückweit besser machen ... Manchmal gelingt es!
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6 Responses to 50 Jahre DED

  1. Toll, ein wunderbarer Einblick! Ich hoffe sehr, dass die neuen Ideen umgesetzt werden können. Es ist immer wieder traurig festzustellen, wie so vieles mehr und mehr nach zu festen Strukturen strebt und die eigentlichen Ziele vergessen und dem rasanten Wandel zu schnell angepasst werden. Ich drücke die Daumen!

  2. Avatar von Peter Christmann Peter Christmann sagt:

    Ja, so war das: Mehr als ein Job. Eher ein Lebensgefühl, eine Grundhaltung, etwas, was das eigene Leben wie das anderer Menschen beeinflusst und bereichert hat. Schade, dass alles auf dem Altar der „Ökonomisierung“ geopfert wird, wenn wir nicht aufpassen. Sonst bleibt vor allem Solidarität auf der Strecke …

  3. Avatar von Peter Ay Peter Ay sagt:

    Hallo, Engagierte. Ich war kein offizieller DEDler und doch Einer, der als extern Evalulierender versuchte, DED-Konzeptionen mit zu verstehen und mitzugestalten, z.B. die Grundlagen für eine Integration einheimischer Fachkräfte in den DED oder die Zusammenarbeit des DED mit der EU für Micro-Projekt-Programme in Mali, Niger und Tchad. Dabei wurde mir übrigens schon vor zwei Jahrzehnten nebenbei eine Übernahme der niederländischen „Organisation“ SNV in den nationalen Dienst als Bedrohung von SNV-Leuten, die in Niger mit dem DED zusammenarbeiteten, vermittelt. Für und Wider wurden heiß diskutiert, das wurde dann 2011 für den DED aktuell.
    Mir ging es bei Evaluierungen der DED-Arbeit auch darum, zu erfassen, welchen Wert die persönlichen Erfahrungen der Helfer vor Ort für die Gesellschaft in Deutschland bedeuten könnten und bedeutet haben.
    Die Initiative für einen neuen Freiwilligendienst begrüße ich. Der „Geist des DED“ in der entwicklungspolitischen Auseinandersetzung hat belebt und gerade durch seine Unvollkommenheit und persönlichen „Schicksale“ kreative Impulse gegeben. Wie schon in anderen Kommentaren beobachtet, hat diese Konstellation Lebensgestaltungen nachhaltig beeinflusst. Positiv vermutlich mehr als negativ, und wenn negativ für die Lerneffekte dann auch gut, eben immer an der Bewältigung von Leben – in Projekten oder dem eigenen – orientiert.
    Dafür lohnt es sich, neue Initiativen zu gestalten und hoffentlich auch erfolgreich umzusetzen.
    Peter

  4. Es war einfach Klasse. Ich war von den vielen Silberrücken (den Älteren!) fasziniert und den Erzählungen, wie sie, als junge Menschen, zu Zeiten, in denen Fernreisen absolut unüblich waren, in die Welt rausgingen und als Entwicklungshelfer Lebenserfahrungen sammelten. Ich habe mir meinen Entwicklungshelfer-Traum erst zum Ende meines Berufslebens erfüllen können, und auch das hat mich nochmal geprägt.

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