Trotz Regen und Gewitter: Das Konzert mit Jane Birkin auf dem Würzburger Hafensommer war großartig. Begeistert hat mich auch ein Artikel meiner Kollegin Iris Wrede, die Leben und Wirken der Birkin in wundervollen Sätzen nachzeichnet. Umso glücklicher bin ich, ihn hier zusammen mit den Fotos von Ulf Cronenberg (http://www.flytotherainbow.de) veröffentlichen zu können. So könnt Ihr an diesem Abend ein wenig teilhaben.
Wer bei dem Namen „Jane Birkin“ nicht an „Je t‘aime“ denkt, der lügt: Am 28. Juli singt sie auf dem „Würzburger Hafensommer“.
„Ich muss Sie warnen: Sie müssen komplett nackt spielen“ war der Satz mit dem die Karriere der Jane Birkin als Ikone der sexuellen Befreiung begann. Noch bevor sie sich mit Serge Gainsbourg und „Je t‘aime“ auf den Index der Sender stöhnte, räkelte sie sich im Kultfilm „Blow up“ als Fotomodell auf der Leinwand. Eine Puppe sei sie damals gewesen, stellte Madame Birkin später fest und dass sie das Lied niemals mochte. Weil Brigitte Bardot es damals nicht veröffentlichen wollte, sprang sie ein und wird seit damals verfolgt von dieser Entscheidung. Sie markiert den Anfang einer langen gemeinsamen Schaffens- und Liebesbeziehung zwischen Birkin und Gainsbourg.
Der exzessive, lebenswütige Komponist und Sänger und die 18 Jahre jüngere Engländerin waren das Pariser Kult-Liebespaar der 60er Jahre. Eine Symbiose, die bis heute nachwirkt. Gainsbourg, der ist ihr geblieben, selbst nach dem sie ihn verlassen hatte. Er widmete ihr sein letztes Album „Amour des feintes“. Birkin legte nach seinem Tod 1991 bei dem Abschlusskonzert ihrer Tournee das Mikrofon auf die Bühne und kündigte an, ihre musikalische Karriere zu beenden – durchgehalten hat sie diesen Vorsatz zum Glück nicht. Seitdem nimmt sie immer wieder Neuinterpretationen von Gainsbourg-Liedern auf, die durch überraschende Arrangements und Kooperationen mit Künstlerkollegen Beachtung finden. Weit entfernt von einer Nachlassverwalterin hat sie einen eigenen Weg gewählt.

I‘d never thought that song would shock …
Diese ewig kindliche Frau, die auch heute noch so zart und zerbrechlich erscheint, hat sich konsequent weiterentwickelt. Über 70 Filme, eigene Texte und Stücke sind Zeugnisse einer unbändigen kreativen Kraft, die sich nicht scheut, die konventionellen Grenzen zu überschreiten. Bis heute streitet sie ab, mit den Skandalen gerechnet zu haben, die sie auslöste. Das bringt sie mit der gleichen Selbstverständlichkeit vor, mit der sie leugnet, sich auch nur einen Deut darum zu kümmern, dass sie eine Stil-Ikone ist. Birkin, die den Models zeigt, was Lässigkeit ist – so charaktarisierte es die Vogue – wirkt wie eine, die niemals länger als fünf Minuten im Bad braucht, um sensationell auszusehen.
Wenn sie aus ihren Chucks die Schuhbänder zieht, weil eines gerissen ist, wird es wenig später in ganz Paris kopiert. Wenn sie ihren Kram in einen Weidenkorb packt, weil sie keine Tasche findet, rennt bald darauf jedes weibliche Wesen wie Rotkäppchen mit Henkelkörbchen in der Hand durch die schicken Viertel. Die Stadt, in der das stattfindet, ist ihr seit circa 40 Jahren Heimat – Jane Birkin lebt in Saint-Germain-des-Prés, dem Lieblingsviertel der Pariser Intellektuellen. Frei von Versuchen, die Falten glattzuziehen langweilt sie ihr Publikum nicht mit irgendwelchem „Stolz auf jedes Zeichen von Lebenerfahrung“-Blabla, sondern erklärt, es sei einfach inzwischen zu spät für ein Lifting, man müsse sich eben mit dem durchschlagen was man habe. Das hört sich pragmatisch uneitel an, ist es aber nicht, denn dahinter steht das klare Statement: Nehmt mich wie ich bin oder lasst es. Und wenn ihr mir dabei folgt, ist es eure Sache.

Älter werden ist nicht super! Voilà.
Von Anfang an hat sich Jane Birkin politisch engagiert, ging gegen die Todesstrafe auf die Straße, obwohl Gainsbourg damit alles andere als einverstanden war und obwohl die Bürger von Paris die Demonstrierenden damals von ihren Balkons aus mit Unrat bewarfen. Sie besuchte Frauen während des Krieges in Sarajewo, engagiert sich für Birma und gegen die Abschiebung der Roma. Auch ihre aktuelle Tournee „Via Japan“ begann mit dem Gedanken an die Opfer von Fukushima.
Die Künstlerin hängt ihr Engagement für die Menschenrechte nicht hoch. Keine PR, keine schicken Fotos. Sie ist einfach da, weil sie meint, es sollte so sein, ist die Botschaft, die sie ausstrahlt. Und so steht Madame Birkin auch vor dem Publikum. Mit dieser charmanten Nachlässigkeit, die es unwichtig macht, ob sie an der einen oder anderen Note elegant vorbeischlenzt. Im Gegenteil, man kann es den Inbegriff von „laissez-faire“ und sehr authentisch nennen. Singen und Fühlen sind eins bei diesen Chansons, die nicht nur live faszinierend wirken, wie man es bei den leichten „Unsauberkeiten“ erwarten würde, sondern auch auf der aktuellen CD. Die Virtuosen, es sind Musiker aus Japan die sie begleiten, liefern die perfekte Bodenhaftung für diesen ganz eigenen Tonfall, der sich anfühlt wie ein lauer Sommertag in einem Pariser Café. Kleine, oft nachdenkliche Texte zu den Stücken, charmant und mit einem fast schüchternen Lächeln vorgetragen, knüpfen schnell ein intimes Band zum Publikum. Man merkt es Jane Birkin nicht an, dass sie sich in den vergangenen Monaten gefühlt hat „wie eine Waschmaschine, deren Garantie abgelaufen ist“ – nach schwerer Krankheit musste sie die Tournee und auch den geplanten Auftritt auf dem Hafensommer im letzten Jahr absagen. Inzwischen hat sie sich erholt. Dass sie nun gesund zurück ist, ist ein Geschenk, das man wahrnehmen sollte.
Text: Iris Wrede (Sie ist Chefredakteurin des Magazins KulturGut www.kulturgutwuerzburg.de. Das Credo der Kulturzeitschrift: „Ein offener Geist und der Wunsch, die Welt zu entdecken, sind die besten Voraussetzungen, Kultur in ihrer faszinierenden Vielfalt zu erleben.“)
Fotos: Ulf Cronenberg, Würzburg, http://www.flytotherainbow.de



