Gastautor Daniel A. Kempken: Beckmanns Hunde

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERAEin Murder-Mystery-Thriller! Und als Hauptdarsteller: Hunde!

Beckmann sieht erst im letzten Moment, dass ein schwarz-weiß gefleckter Hund in der Mülltonne sitzt; nur die helle Schnauze und der längliche Kopf mit den schwarzen, halblangen Ohren ragen über den rostigen Rand der Tonne. Der Hund schaut Beckmann an; in seinen Augen ist eine Mischung von erschrocken sein und böse werden. Doch er bellt nicht, knurrt nicht, rührt sich nicht. Der Schriftsteller geht zu seiner Bank, auf der er immer bei seinen Abendspaziergängen verschnauft. Der Hund lässt dem Störer einen misstrauischen Blick folgen, beobachtet, wie er sich setzt. Die Blicke treffen sich; gegenseitiges Mustern von Hund und Mensch. Beckmann hat das längere Durchhaltevermögen; der Hund springt aus der Tonne und verzieht sich.

Der Schriftsteller gönnt sich noch eine Zigarette, doch ihm fällt nichts ein, was aufschreibenswert wäre. Er begibt sich auf den Weg nach Hause. Von schräg oben kläfft ihn eine ziemlich verdreckte Mischung aus Spitz und Schoßhund in einer unangenehmen Stimmlage an. Das penetrant laute Tier bewacht einen völlig verwahrlosten Balkon, dessen Geländer zur Hälfte abgebrochen und zur Hälfte weggerostet ist. Der Köter rennt hektisch auf und ab, sein Kläffen übersteuert hysterisch, wie bei einem minderjährigen Junkie im verspäteten Stimmbruch. Ein Wunder, dass der da nicht herunterfällt, denkt Beckmann. Bei seinem ersten Spaziergang hatte er noch einen Schreck gekriegt, als der nervöse Schoßhundspitz zu krakeelen anfing. Eigentlich gibt es an dieser heruntergekommenen Bruchbude mit ihren gähnenden Löchern und Plastikfolien anstelle der Fensterscheiben nicht viel zu bewachen. Doch so weit kann der lästige Hund einfach nicht denken; Beckmann hat sich an ihn gewöhnt.

Ein Stück weiter schläft ein Wachmann in seinem Häuschen, das vor einem ziemlich gediegenen Anwesen mit einem protzigen Tor aufgestellt ist. Er ratzt unauffällig im Sitzen, ordentliche Körperhaltung. Sein Kollege in der Panzerglaskabine vor der Bellavista-Apartmentanlage ist da schon dreister; entspannte Schnarchhaltung, die Füße auf dem Tisch mit dem Wachbuch, die Mütze tief ins Gesicht gezogen. Beckmann überlegt, ob er gegen die Scheibe schlagen und den Nichtsnutz wecken soll. Er lässt es sein, weil seine Frau immer sagt, das sei doch völlig normal, dass die Nachtwächter schlafen bei so einem beschissenen Job. Beckmann sieht das anders; Dienst ist Dienst; er sitzt ja schließlich auch auf kalten Parkbänken herum und schreibt Geschichten auf, die keiner lesen will. Der stimmbrüchige Schoßhundspitz steigt gewaltig in seiner Achtung.

Auch die zwei Hunde hinter dem schiefen Tor des Schreiners mit dem schlechten Holz und den noch schlechteren Möbeln sind besser als die Nachtwächter. Unsichtbare, auf dem Grundstück oder in der Werkstatt versteckte Tiere mit tiefen, nach Rasse und guten Zähnen klingenden Stimmen. Gut knurren können sie auch, dann schlagen sie mit donnerndem Bass an. Beckmann hätte die beiden gerne einmal gesehen, doch die hohe Umfriedung macht es unmöglich. Der Hund hinter der Eisentür mit der Hausnummer 27-474 hört sich auch nicht schlecht an, doch den kann man überlisten. Beckmann bleibt fünfzig Meter vor dem Eingang stehen und wartet. Kurz darauf kämpft sich eine altersschwache, röhrende Taxe mit blau verbleiter Kolbenklemmerfahne im Schneckentempo das steile Kopfsteinpflaster des Camino de Orellana herauf. Beckmann setzt sich in Bewegung und passiert das Haus Nr. 27-474 zusammen mit dem fußlahmen Taxi. Die Töle merkt es nicht, bleibt ruhig. Der Schriftsteller will seines Erfolges sicher sein, ihn auskosten. Er geht wieder zurück, ohne Fahrzeugbegleitung. Das Tier schlägt laut und mit wütendem Unterton an. Beckmann bleibt vor dem Tor stehen, lacht schadenfroh in sich hinein und lässt das blöde Vieh sich die Lunge aus dem Hals bellen. Der satte Anfangston geht mehr und mehr in ein Kojotengeheule über.

Schräg gegenüber liegt der Aufgang zu Kirche und Friedhof; auf dem Torbogen ist ein großes, fremdartig wirkendes, steinernes Kreuz angebracht. Darunter eine verwitterte, lateinische Inschrift. Aus dem schmiedeeisernen Gitter des Tores sind seltsame Symbole getrieben; sie gleichen überdimensionalen Knoblauchzehen. Im Hintergrund das langgestreckte Kirchenschiff mit seinen bienenwabenartigen Fenstern, aus denen ein milchiges, blassgelbes Licht dringt. Direkt neben dem Aufgang ist ein zweites, weißgetünchtes Tor mit einem grell beleuchteten, vergitterten Fensterchen. Dahinter sitzt ein buckliger Wächter mit einer tief ins Gesicht gezogenen, schwarzen Wollmütze, Hakennase, halb geschlossene, vorstehende Augen. An nebligen Tagen könnte man hier glatt einen Dracula-Film drehen. Nur das Schild mit der Aufschrift „Müllabladen verboten“ passt nicht so recht in die Bedrohlichkeit der transsilvanischen Kulisse.

Als Beckmann am nächsten Tag zu seinem kleinen Platz mit den korinthischen Säulen kommt, liegt plastiktütenweise Müll neben der rostigen Tonne. Da waren schon etliche Hunde am Werk. Sie haben die Abfalltüten zerfleddert und den Unrat, der ihnen nicht geschmeckt hat, in der Gegend verstreut. Beckmann macht einen großen Bogen um das übel riechende Schlachtfeld und hockt sich auf seine wackelige Bank. Heute kann kein Hund in der Tonne sitzen; zu voll. Ein hellbraunes, räudiges Vieh kommt aus einer dunklen Seitengasse, bleibt neben der Tonne stehen. Beckmann wird verbellt. Der Hellbraune hat ein unsympathisches Wolfsgesicht, ist aber harmlos. Beckmann spürt das und bleibt sitzen. Der Verbeller gibt auf und trollt sich. Auch der Schriftsteller bleibt nicht mehr lange. Es ist zwar nicht besonders kalt, aber es riecht ziemlich unangenehm, wegen des Schlachtfeldes.

Beckmann entdeckt in der hinteren, linken Ecke des Platzes, versteckt zwischen der Felswand des Grabenbruches und einer Hauswand eine mit Laternen beleuchtete Freitreppe, die den steilen Hang hinauf führt. Die Treppe ist von seiner Bank aus unsichtbar. Purer Zufall, dass er heute wegen des stinkenden Mülls einen weiten Bogen geschlagen hat.

Die Treppe ist ziemlich steil und ungepflegt. Reste von alten, liegen gebliebenen Erdrutschen machen sie an einigen Stellen nur so gerade noch passierbar. Beckmann kann wegen einer langen, hohen, unverputzten Grundstücksmauer nicht ins Tal schauen. Die Mauer folgt den Krümmungen der Treppe. Der Schriftsteller denkt an eine gruselige Science-Fiction-Serie aus seiner Jugendzeit. Der Mattscheibenheld suchte eine Abkürzung, die er niemals fand und fiel böswilligen Wesen von einem fremden Stern in die Hände. Läge jetzt der notorische Nebel über Guápulo, würde Beckmann nicht weitergehen; ganz geheuer ist ihm die Gegend nicht. Doch der Himmel ist sternenklar. Eine zottelige, verwilderte Perserkatze huscht aus einem Loch in der Mauer, quer über drei oder vier Treppenstufen und verschwindet in dem dichten Buschwerk auf der Hangseite. Hinter der Mauer fängt ein Hund zu bellen an, ohne Volumen, aber laut; Kläffer! Etwas weiter talwärts stimmen nacheinander drei Jauler in das Spektakel ein. Beckmann kann sich gut vorstellen, wie diese Köter aussehen. Einfach nur Straßenhunde, ordinär, dreckig und noch nicht einmal sympathisch, laut, hässlich und feige.

Beckmann steigt weiter bergan. Die Viecher heulen ihm noch eine zeitlang hinterher, dann geben sie auf. Der Schriftsteller müsste jetzt nicht mehr sehr weit von seinem Haus entfernt sein, eher schon etwas höher; die Stufen nehmen kein Ende. Irgendwo muss die Treppe auf die Straße treffen, nur wo? Beckmann kann sich trotz seiner täglichen Spaziergänge an keine Einmündung erinnern. Die Stufen werden flacher, hören ganz auf. Rechts ist jetzt auch eine Mauer; die Laternen stehen in größeren Abständen. Beckmann sieht den langgezogenen Schatten eines Riesens vor sich; es ist sein eigener. Ein dunklerer, kleiner Schatten huscht dicht an seinem Kopf vorbei. Beckmann bleibt ruhig; er glaubt nicht an Fledermäuse auf Abendspaziergängen und geht weiter. Eine Laterne funktioniert nicht, lässt ein dunkles Stück zwischen dem Schriftsteller und der nächsten Lampe. Ein schummeriger Hohlweg führt nach links, dorthin, wo der Zugang zur Straße sein müsste. Beckmann biegt ab und steht vor einem Bungalow mit einem Arkadengang. An der Tür hängt ein riesiges, hölzernes Kreuz. Es ist von seiner Form her identisch mit dem Steinkreuz am Aufgang zum Friedhof. Doch das hier kann nicht die Kirche mit den Bienenwabenfenstern sein, da ist Beckmann sicher. Er wendet sich nach rechts, steht vor einem gähnenden Abhang, tief unter sich die hell beleuchtete, runde Kuppel der von indianischen Sklaven im 17. Jahrhundert erbauten Wallfahrtskriche. Die hart weiße Fassade ist gleißend angestrahlt; der Baum auf dem Kirchplatz schimmert hellgrün, unter dem sternenklaren Himmel flimmern vor dem Horizont die Lichter von Cumbayá, der Geldadelsiedlung unterhalb von Quito. Der erste Blick nach dem langen Aufstieg über die steilen Treppen ist wunderschön, doch unvermittelt, ohne Geländer und doppelten Boden, zu plötzlich, tief, furchtbar tief; Beckmann weicht zurück. Im Tal rauscht der Fluss, kein Hundegebell.

Unter den Arkaden steht ein Mann; er trägt einen Sturzhelm, aufgeklebt ist das Friedhofskreuz im fluoreszierenden Gelbgrün der Anti-Atomkraft-Bewegung. Dem Schriftsteller schießen angstgeladene, unkontrollierte Gedanken durch den Kopf: der Mann, der die Abkürzung suchte, die er niemals fand und Beckmanns Frau, die letztlich nach der dritten Flasche Wein plötzlich sagte: „der Tod kommt aus dem Nichts“. Hoffnung; die Straße muss ganz in der Nähe sein, sonst könnte der Mann nicht mit dem Motorrad hier hin gekommen sein. Beckmann hört das Röhren und Klappern eines alten Geländewagens. Das Geräusch ist ziemlich weit entfernt, irgendwo unten im Tal; die Angst steigert sich wieder. Der Mann kann kein Motorradfahrer sein. Es gibt keine Sturzhelme mit fluoreszierenden Friedhofskreuzen.

Beckmann versucht hilflos, den Fremden zu grüßen, bringt keinen Ton heraus; seine Stimme erstickt in einem Angstkloß, der ihm die Kehle zuschnürt. Ein schwerer, schwarzer Schatten schiebt sich aus der Dunkelheit neben den Mann mit dem Helm, ein riesenhafter Hund mit milchig toten Augen setzt zum Spring an. Kein Bellen, kein Knurren; Kraft sammelt sich in den mächtigen Muskeln des pechschwarzen Tieres; das mit Tigerzähnen gespickte Maul verzerrt sich zu einer Wolfsgrimasse und schießt auf die Kehle des Schriftstellers zu. Beckmann weicht zurück, sein rechter Knöchel schlägt um; er strauchelt, stürzt hinterrücks den Abgrund hinunter, überschlägt sich, ein Dornenbusch zerreißt seine Kleider, zerkratzt Hände und Gesicht. Der Schock und die Angst lassen ihn seine schweren Verletzungen nicht spüren. Er schlägt hart mit dem Hinterkopf auf und bleibt an einem vorstehenden Felsen liegen. Beckmann verliert das Bewusstsein.

Null Uhr neunundfünfzig: Andrea Beckmann wird wach. Das Bett neben ihr ist leer. Aus dem Tal klingen die scheppernden Glocken der Wallfahrtskirche von Guápulo. Andrea läuft im Schlafzimmer auf und ab, raucht eine Zigarette, noch eine Zigarette. Die Kippen schmecken ihr nicht und beruhigen sie auch nicht; trotzdem raucht Andrea weiter. Die Kirchenglocken sind verstummt. Sie vernimmt überdeutlich das kehlige, durchdringende Fauchen eines fremdartigen Tieres.

Beckmanns Nachtwächter durchstreift vergeblich die ausgestorbenen Gassen des Vorortes von Quito nach seinem Seňor, dessen Abendspaziergänge er nie verstanden hat. Andrea Beckmanns Reisepass wird in den nächsten Tagen von der ermittelnden Polizei eingezogen. Sie hat bei ihrer Vernehmung falsche Angaben gemacht. Der Pfarrer der Wallfahrtskirche bezeugt, dass die Glocken von Guápulo niemals um ein Uhr in der Nacht läuten.

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