Gastautor Michael Getzschmann: Der Farbenfresser

porträt Kopie (Medium)„Vor 40 Jahren erblickte ich das Licht der Welt im Weserbergland, in einer kleinen und beschaulichen Stadt namens Bückeburg. Nach vielen Zwischenstationen lenkte mich der Wind und die Liebe nach Würzburg. Nun blicke ich als Kunstschaffender zurück und mir ist bewusst geworden, dass ich seit inzwischen 25 Jahren schreibend tätig bin.

Leider ist es aber sehr schwer geworden im Land der Dichter und Denker seine eigene kleine Lyrik unters Volk zu bringen. Ob die Absagen der großen Verlagshäuser ein Qualitätsmerkmal sind, wage ich nicht zu behaupten. Das mögen andere für mich tun. Doch als zeitgenössischer Dichter, der ein Stück weit die alte Schule der Schreibkunst versucht, sie in sich und seinen Werken zu verinnerlichen, stelle ich mir die Frage, warum in der Regel nur unsere großen, aber leider schon toten Dichter verlegt werden?

Nun ja, kleine Verlagshäuser zeigten schon Interesse an meinen Worten, aber leider nur gegen eine Beteiligung an den Kosten. Und da ich zum Glück noch nicht tot bin, aber auch nicht über das nötige Kleingeld verfüge, versuche ich neue Wege zu gehen, um gelesen und gehört zu werden, um meine Worte der Welt zu schenken.

Nach anfänglichen Versuchen meine Gedichte in Bild und Ton auf Youtube zu veröffentlichen, merkte ich schnell, dass nur das geschriebene Wort, und so auch das Gelesene, den wahren Zugang zu Interessierten der schreibenden Kunst findet. Darum veröffentliche ich meine Gedichte auf meinem Blog und stelle sie unserer Welt und allen, die sie mögen, zur Verfügung.“

Der Farbenfresser

Im Nebelmonat spazieren durch lichten Wald,
sinnend sich erfreuend am Wechsel in dem natürlichen Verfall.
Des Herbstes Kinderlachen aus vergangenen Tagen,
zweifellos welch golden Schatz im Erinnern mit sich tragend.

Im Wind, der Laubfall im sonnenklaren Totentanz
zwischen den derweil so kargen Riesen fliegt,
doch in schwerer Kraft das einst so grüne Blätterdach
zum Erdenreich nun sterbend zieht.

Ein gefallenes Blatt legt müd‘ sich an das andere und zum anderen,
knisternd die Musik all der Wege, wenn wir durch den Wandel wandern.
Die Pfade sich füllen, welch wahre Pracht, ein Ornament, ein Mosaik.
Oh flammend Herbst, Herzblut dich liebt.

Das Tageslicht schwächt friedfertig ab und schon am frühen Nachmittag
der volle Novembermond ist unaufdringlich und lächelnd erschienen.
So erkennen mag man noch im Dämmerschein ein heller rot-gelber Weg,
ist allmählich lückenlos bedeckt von den Gescheckten, die mit dem Winde ziehen.

Der Blick, einem weltentrückten Seufzer gleich, schwenkt nach oben,
danach frohlockend zum malerischen Blätterweg sich senkt nach unten.
So traumverloren vergessen mag ein zartfühlend Herz,
den einst so schweren Lauf der Stunden, an dem jeglich‘ Leben ist gebunden.

Das Laubwerk liegt so farbenfroh am Boden vor allen Schritten nieder,
als Augen wie ein verloren Gang zum Himmel hoch sich finden wieder.
Träumend, vergessend, in allen abblühenden Gedanken,
wenn herbeiwünschende Blicke zum Wege zurück verschwommen sanken.

„Nanu, der eben noch so kunterbunte Blätterschmuck,
ist auf einmal braun und trist?“
Dadurch verwundertes Erstaunen den Träumer,
aus seinen Fantasien, zurück ins Diesseits riss.

„Wie leblos die Streu, auf der Erde welkend liegt,
dass man fast die Wut schon kriegt.
Warum nur stirbt verblasst ein farbenfrohes Kleid?
Wo ihr doch alles ward! Nun nicht mehr seid?“

Um Haaresbreite der magische Moment von dannen rennt.
Doch weit aufgerissene Augen vereinzelt in den verdorren Blättermeer,
dezent wieder die prächtigsten Farben sehen
und so sehr hoffnungsvolle Schritte, achtsam wie bedächtig weiter gehen.

Dem Herz wird klar, dass es im Verfall der Vielzahl nun herausfiltern kann,
die individuelle Schönheit der Letzten, noch nicht zersetzten. Jetzt noch besser.
Der vergängliche Geist nimmt an, was die unsterbliche Seele weiß:
Die Zeit, sie war, sie ist nun mal – Der Farbenfresser.

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Journalistin aus Leidenschaft, Tierschützerin mit Hingabe und neugierig auf das Leben. Ich stelle Fragen. Ich suche Antworten. Und ab und zu möchte ich die Welt ein Stückweit besser machen ... Manchmal gelingt es!
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3 Responses to Gastautor Michael Getzschmann: Der Farbenfresser

  1. Vielen Herzlichen Dank, liebe Sabine, für die tolle Präsentation und Aufmerksamkeit!
    Es ist mir wirklich eine sehr große Ehre auf Deinem wunderbaren Blog,
    meine kleinen Worte mit Dir und der Welt zu teilen.

    LG
    Michael 🙂

  2. Hat dies auf MichaelsLyrik rebloggt und kommentierte:
    Und ich nahm die Maske vom Gesicht …

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