Fußball als Schule des Lebens

Morgen sieht die Welt wieder gebannt nach Brasilien, wo das WM-Halbfinale zwischen Deutschland und Brasilien stattfindet. „Brasilien wird gewinnen“, ist sich Anderson sicher. Wie der Junge aus einem der Elendsviertel von São Paulo zu einem Probetraining beim Topklub Corinthians São Paulo kam, lest Ihr hier.

von Gastautor Achim Muth. Aus der Serie: Der brasilianische Traum.

Vom Favela-Kind zum Star – viele junge Kicker in Brasilien haben diese Hoffnung. So wie der 17-jährige Anderson, der in einem Jugendzentrum in São Paulo an seiner Zukunft arbeitet.

DSC_0401 (Large)Was wäre, wenn . . . Einmal im schwarz-weißen Trikot der Corinthians. Einmal spielen in der großen Arena. Ist es nicht manchmal so, dass die Realität ohne Träume kaum zu ertragen wäre? Der Wirklichkeit entfliehen wie Peter Pan, für den 17-jährigen Anderson M. aus São Paulo sind das schöne Momente. Vom Tellerwäscher zum Millionär lautet der amerikanische Traum, die brasilianische Version von Anderson und ungezählten anderen Jungs geht so: Vom Favela-Kind zum Fußball-Star. „Ich wollte schon immer Fußball-Profi werden“, sagt Anderson, dessen Augen so einen melancholischen Blick haben.

Er sitzt in einem Zimmer des Jugend- und Kulturzentrums von Don Bosco im Stadtteil Itaquera, einem der vielen Armenviertel des 20-Millionen-Molochs São Paulo. Im Regal stehen Kinderbücher, an der Wand hängen bunte Bastelarbeiten. Die Einrichtung von Padre Rosalvino ist für Teenager wie Anderson eine Art Rettungsschirm. Nach einer Straftat war er zu neun Monaten Arrest im Jugendgefängnis verurteilt worden, die Bewährung absolviert er nun unter den Fittichen der Don-Bosco-Sozialarbeiter. „Das Wichtigste hier ist es, Vertrauen aufzubauen“, sagt Cristiane de Melo, Leiterin des Bildungsprogramms.

Von 157 Jugendlichen, die in den vergangenen Jahren an dem Bewährungsprojekt teilgenommen haben, hätten nur zwei wieder zurück ins Gefängnis gemusst. Die Mehrheit der Jugendlichen hier in Itaquera, heißt es in einem internen Dossier, hat Drogendelikte, Raubüberfälle oder Körperverletzungen verübt. Ziel sei es, sie wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Auch gehe es darum, die Kinder wieder mit ihren Familien zu versöhnen, die häufig nichts mehr mit ihnen zu tun haben wollen.

Anderson, so scheint es, hat den Aufenthalt als Chance begriffen. DasReintegrations-programm sieht eine tägliche, einstündige Gesprächstherapie vor, darüber hinaus nimmt er am vielfältigen Sportprogramm teil. Einmal in der Woche kommt auch seine Familie ins Zentrum. Anderson lebt mit seiner Mutter, dem Stiefvater und seinen fünf Geschwistern im Conjunto José Bonifácio, einem Wohnkomplex aus den 70er Jahren. „Ich bin dankbar für die Wende in meinem Leben, denn ich bin ein guter Junge.“ Das war nicht immer so. Itaquera ist kein Spielplatz, kein Hort für Kinder, die hier viel zu oft Dinge sehen, die sie in ihrem Alter nicht sehen sollten. Drogen sind allgegenwärtig, Kriminalität an der Tagesordnung.

„Ich habe falsche Freunde getroffen, die mich verführt haben“, sagt Anderson. „Dann habe ich ein Verbrechen verübt.“ Mehr möchte der Junge darüber nicht erzählen, aber seine Miene und das nervöse Spiel seiner Finger verraten, wie sehr ihn die Geschichte noch mitnimmt. „Das ist Vergangenheit, ich möchte jetzt nur noch in die Zukunft schauen.“
Zukunft. Die hat der 17-Jährige täglich vor Augen. Denn zwischen Andersons großem Traum und der Wirklichkeit liegen lediglich eine Eisenbahnschiene, eine Straße und eine kleine, begrünte Anhöhe. Einen Steinwurf vom Jugendzentrum entfernt wächst São Paulos neues WM-Stadion in die Höhe. Jedes Mal, wenn er auf dem staubigen Don-Bosco-Fußballfeld trainiert, kann er die Arena sehen. Das 250-Millionen-Euro-Projekt ist Andersons persönliche Erinnerung daran, nicht von seinem neuen Weg abzukommen. Es ist ein modernes, luftiges Stadion, in dem am 12. Juni die Fußball-Weltmeisterschaft mit dem Spiel Brasiliens gegen Kroatien eröffnet wurde.

Es gibt viel Kritik im Land an den enormen Kosten für die Stadien, aber Cristiane de Melo glaubt nicht, dass wegen der Weltmeisterschaft Gelder aus der Bildung und dem Gesundheitswesen abgezogen worden sind. Vielmehr hält sie den eklatanten Mangel an Investitionen im Sozialbereich für ein „historisches Problem“. Bildung und berufliche Qualifikationen würden seit Jahren vernachlässigt werden in Brasilien. Nach dem WM-Turnier wird die Arena zur neuen Heimat vom SC Corinthians Paulista, einem der Topklubs Brasiliens.

Erst 2012 gewann der Verein die „Copa Libertadores“, die südamerikanische Version der Champions League, und anschließend auch den Weltpokal. „Ich hoffe, dass ich irgendwann einmal in diesem Stadion spielen werde“, sagt Anderson und blickt hinüber über die Straße. Die Überschrift seines Traums könnte einem Wim-Wenders-Films entliehen sein: In weiter Ferne so nah. Anderson glaubt fest an das Ziel, er ist sich sicher, dass sich sein Leben „hin zum Besseren wenden wird“.

DSC_0412 (Large)Das Jugend- und Sozialzentrum von Don Bosco in Itaquera hat einen Jahresetat von einer Million Euro, für all die Kinder aus den benachteiligten Familien ist es ein wunderbares Idyll. Es gibt warmes Essen und jede Menge Freizeitangebote. Der brasilianische Kampftanz Capoeira wird ebenso gelehrt wie Taekwondo, Leichtathletik, Schauspiel, sogar ein kleines Schwimmbad existiert hier.

„Das Leben ist nicht schwierig, das Leben ist nicht leicht“, sagt Padre Rosalvino, „wir wollen hier aufzeigen, dass es sich lohnt, an sich zu glauben.“ Mit feinem Stolz in der Stimme erzählt er von den sieben Kunstturnern aus seinem Sozialzentrum, die für den weltbekannten Cirque du Soleil entdeckt worden seien – und natürlich von Kléber. Kléber de Carvalho Corrêa, wie er mit vollem Namen heißt, schaffte den Sprung von Don Bosco zu Corinthians, erzählt der Padre. Eine Saison lang kickte Kléber sogar für den Bundesligisten Hannover 96, ehe er 2004 nach Basel ging. Heute spielt der 34-Jährige, der 19 Mal in die brasilianische Nationalmannschaft berufen wurde, wieder in der Heimat für den FC Internacional in Porto Alegre.

Padre Rosalvino mit seinen Schützlingen.

Padre Rosalvino mit seinen Schützlingen.

Das Leben Klébers soll die Blaupause sein für Anderson. Täglich trainiert der 17-Jährige, seine Oberschenkel sind kräftig, und als ein Ball auf dem Hof des Jugendzentrums auf ihn zurollt, lupft er ihn geschickt mit dem Fuß in die Luft und lässt die Kugel lässig auf dem Spann tanzen. Selbst in Flip-Flops geht er elegant mit dem Ball um. Die Corinthians sind sein Team, ihre Farben Schwarz und Weiß sind auch seine Farben. Auf die letzten Spiele der Fußball-WM freut sich der Junge. „Brasilien wird gewinnen“, ist er sich sicher. Auch deutsche Nationalspieler kann der Jugendliche ohne zu überlegen herunterrasseln: „Klose, Schweinsteiger, Lahm, Müller, gute Spieler sind das.“

Wie wichtig der Fußball auch hier im Sozialzentrum von Itaquera ist, erzählt Juliana Alves de Macedo. Die 26-Jährige, die ein wenig aussieht wie Brasiliens Weltfußballerin Marta, arbeitet hier als Fußball- und Taekwondo-Trainerin. „Fußball bedeutet Integration, Liebe und Freundschaft unter Kindern“, sagt sie. Willi C. nickt. Der 16-Jährige kommt seit zehn Jahren regelmäßig ins Don-Bosco-Zentrum und nimmt dort am Training teil, im nahen Berufsbildungszentrum absolviert er einen Kurs in Grafikdesign. Sein Trikot hängt leger über die Hose, seine Stutzen hat er über die Knie gezogen, so wie es Stars wie Neymar oder Schweinsteiger heute gerne tun.

„Für mich ist hier jeder Tag ein besonderer Tag. Ich gehe hier immer glücklicher heraus, als ich reingekommen bin. Hier bekomme ich eine Struktur, sonst würde ich den ganzen Tag nur rumhängen“, sagt der Jugendliche. „Fußball bedeutet mir alles im Leben. Er gibt mir Motivation und Disziplin, auch für die anderen Dinge im Leben.“

Für Anderson wird sich die Zukunft bald entscheiden. Über Don Bosco wurde ihm ein Probetraining bei Corinthians São Paulo vermittelt. „Ich hoffe, dass ich es schaffe und Profifußballer werden kann“, sagt Anderson. Wenn nicht, wird die Welt nicht zusammenbrechen: „Dann mache ich hier eine Lehre zum Elektriker.“

Fotos: Achim Muth

 

 

 

 

Über sl4lifestyle

Journalistin aus Leidenschaft, Tierschützerin mit Hingabe und neugierig auf das Leben. Ich stelle Fragen. Ich suche Antworten. Und ab und zu möchte ich die Welt ein Stückweit besser machen ... Manchmal gelingt es!
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