Juli 2013
Bine ati venit!
Schon seit langem wollte ich Rumänien kennenlernen. Ein Land, mitten in Europa, doch so unbekannt und fern. Freunde, die dort waren, gaben mir Tipps und Empfehlungen. Dazu noch ein paar Reiseführer und bald waren die wichtigsten Stationen auf der Landkarte markiert. Hinzu kommt, dass ich immer gerne mit dem eigenen PKW unterwegs bin, schon mal wegen der vielgeliebten Unabhängigkeit, die ich im Leben und auf Reisen bevorzuge. Bis heute ist das Land für viele nicht mehr als ein weißer Fleck auf der touristischen Landkarte. Und nachdem ich letztes Jahr unterwegs in Albanien war, hatte ich Appetit auf mehr Südosteuropa bekommen.
Grenze Ungarn – Rumänien. Zwei mürrische Grenzbeamte kontrollieren die Papiere mit Ausnahme des Reisepasses von unserem Hund Gaston Vizsla, der sooft wie möglich auf unseren Reisen dabei ist. Und mit dem Kauf der rumänischen „Rovinieta“ enden auch die Schnellstraßen bzw. Autobahnen, denn ab der Grenze beginnt das Abenteuer Landstraße.


Serpentinen Richtung Ukraine
Die Ausläufer der Karpaten beginnen kurz hinter Satu Mare. Eine einzigartige schroffe Landschaft, die sich hinaufschlängelt. An der Straße gibt es frische Blaubeeren zu kaufen – eimerweise. Am Spätnachmittag erreichen wir Ogna Sugatag, unser heutiges Übernachtungsziel. Angeblich ein Kurort, aber so winzig, dass 15 Minuten Fußmarsch genügen, um das Dörfchen zu erkunden. Zum Abendessen in einem Freiluftlokal, mehr gastronomische Angebote gibt es nicht. Dafür probiere ich die hiesige Spezialität – Polenta, die aber vor Fett trieft. Die rumänische Küche ist deftig und herzhaft, dafür gibt es hier die besten Beispiele. Am nächsten Morgen geht’s nach einem Sprung in den Pool unserer kleinen Pension Ledera weiter.
Kunstvolle Holzkirchen
In Harnicesti, einem kleinen Ort ganz in der Nähe, besuchen wir eine der für hier typischen Holzkirchen aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Auf meine Frage hin kommt der Kirchendiener und öffnete die verschlossene Pforte. Im Inneren Teppiche, alte Ikonen, teils unter Glas, teils an die Mauer gemalt und Trachtenborden als Verzierung.



Frauen in dunklen Trachten kreuzen den Weg ebenso wie Jugendliche mit Sensen und Heugabeln aus Holz, die von der Feldarbeit kommen. Ich unterhalte mich mit einer jungen Frau, die gerade Kirschen pflückt, auf Italienisch. Sie erzählt mir, dass sie vier Jahre in der Region Trento lebte und nun zurück in der Heimat ist. Das Leben, meint sie, die Familie. Geheiratet hat sie, ist nun Mutter einer kleinen Tochter.
Sie bittet mich in den schlichten Hof und zeigt mir das Holzhaus, in dem die Familie wohnt. Dann schenkt sie mir ein paar Handvoll Kirschen für die Weiterfahrt.
Ich werfe einen Blick auf die namenlose Hündin, die vor ihrer Hundehütte ein elendiges Dasein fristet. Die Eisenkette ist viel zu kurz, um sich zu bewegen. Ich frage, warum sie auf dem Hof nicht frei herumlaufen kann. Die junge Frau zuckt mit den Schultern; es ist halt mal so und außerdem sei sie böse, vielleicht ist sie ja krank. Ich treffe oft auf diese Hundeschicksale, umso schmerzhafter ist es für mich, dass ich als Tierschützerin nichts ändern kann, auch wenn die Menschen noch so herzlich sind. Sie bewundern Gaston, holen ihre Kinder, um ihnen unseren Hund zu zeigen, obwohl sie viele eigene schöne Hunde haben, die sie aber nicht einmal bemerken.

Auf den Straßen begegnen uns immer wieder Pferdefuhrwerke oder Eselskarren. Die Fahrt durch Rumänien gleicht einer Zeitreise zurück in die Vergangenheit. Für mitteleuropäische Verhältnisse nicht 50 Jahre, sondern mehr! Im Hier und Jetzt also Idylle pur!
Sapanta


Weltweit bekannt wurde das Dorf Sapanta durch den lustigen Friedhof, in dem Ioan Stan Patras, Meister der Holzschnitzerei, naiven Malerei und Dichtung, Volkskunst und Kunstgewerbe vereinte. Deshalb komme ich her, in diesen kleinen Ort an der Grenze zur Ukraine. Nein, der Friedhof des Ortes ist nicht fröhlich. Er spricht nur über den Tod mit Optimismus. Auf ihn „macht“ man Spaziergänge zwischen den Autos, führt Gespräche auf dem Stadtmarkt vor, von den Leuten, die einmal traurig oder glücklich gelebt haben.

„Zu wenig Kindheit stand mir geschrieben,
„Zu wenig Kindheit hat mir das Schicksal geschenkt.
Die Eltern hab’ ich dadurch gekränkt.
Meine Schwester verlassen, musste ich tun,
und ging, darum.
Liebe Schwester, solange du lebest
Mein Grab, von dem Unkraut, du jätest.
Setz Blumen für mich,
vergiss meiner nicht,
solang’ du am Leben bist.
Ich war deine gute Schwester,
die konnte nicht bleiben, bei dir,
was soll aus mir werden?
Ihr sehnt euch jetzt, nach mir,
ich musste sterben.“
Der 16-jährige Patras, ein Waise, fängt 1935 an, im alten Friedhof Holzkreuze zu schnitzen, um sich und die Brüder zu versorgen. Weil das Dorf vermint war, schicken die Leute ihre Schafe voran, um das Dorf betreten zu können. Viele der Tiere wurden von Minen getötet. Patras war Zeuge dieser Leiden und war tief gerührt. Deshalb hat er in den ersten Jahren auf jedes Kreuz ein Schaf geschnitzt, egal ob der Tote Schafzüchter war oder nicht. Durch die auf den Kreuzen dargestellten Tiere gelang es Patras, sie zu beerdigen. Es sollte eine Hommage sein, an die Schafe, denn durch die Opferung der Tiere konnten die Menschen den Krieg überleben und den Tod besiegen.
Heute führt Dumitru Pop Tincu die Tradition seines Lehrers Patras fort.

Dumitru Pop Tincu
Ich frage Maia im Kassenhäuschen am Eingang, warum einige Kreuze nur einseitig bemalt sind, andere dagegen auf beiden Seiten. „Viele Familien können sich nur eine einseitige Bemalung leisten. Das Geld reicht einfach nicht“, sagt sie. Zwischen 300 bis 500 Euro würde die Bemalung einer Seite kosten. Natürlich will keiner zurückstecken, wenn es um die letzte Ehre für die Verstorbenen geht. Aber wenn kein Geld da ist, sei eben nichts zu machen, und der Tote fände seine Ruhe eben nur einseitig bemalt.

„Hier ruhe ich,
und Ion Holdis
nennt man mich.
Mein Lebenlang mochteich sehr die Partei,
der Genossenschaft im Dorfe stand ich bei.
Und strengte mich an,
dem Wunsche des Volkes,
gerecht zu sein.
Großgezogen hab’ ich den Patru Man,
Denn an eigenen Jungen, hatten wir keinen.“
Wir logieren bei Maria Stetna in ihrer Pension nahe des berühmten Friedhofes. Laut booking.com ist es die beste Unterkunft in dem kleinen Ort. Und Maria macht dem guten Ruf ihrer Unterkunft alle Ehre. Sie kümmert sich um das Wohlwollen ihrer Gäste mit traditioneller Küche, selbstgemachten Schnaps und Wein aus der Region. Zudem backt sie Plätzchen mit Schokoladenfüllung, lässt mich gern probieren und webt Teppiche am hauseigenen Webstuhl.


Und natürlich kennt sie das alte Handwerk des Spinnens. Sie zeigt mir Decken und Teppiche, die in Handarbeit entstanden sind. „Nur an drei Orten in Rumänien wird noch traditionell gewebt, Sapanta ist einer davon“, sagt ihr Sohn Daniel. Dann zeigen mir Mutter und Sohn den besonderen Raum, der in jedem rumänischen Wohnhaus der Stolz der Besitzer ist. An den Wänden hängen handbemalte Keramikteller und es gibt Sitzgelegenheiten mit folkloristischen Mustern. Die Farben Rot, Weiß und Blau dominieren. „In diesem Raum werden neugeborene Kinder gezeigt, Hochzeitspaare laden zum Empfang und Tote aufgebahrt“, sagt Maria. In der Tat hätte jedes Haus einen solches Zimmer. Mein Blick fällt auf acht große mit schneeweißer Bettwäsche überzogenen Kopfkissen. „Die bekommen meine Söhne zur Hochzeit, jeder von ihnen vier Stück.“ Aha, also so eine Art Aussteuer oder Mitgift. Tatsächlich haben wir es schon erlebt, dass uns Frauen in ihr Haus beten, um uns „ihren“ Raum zu zeigen. Und alle sind sie prunkvoll ausgestattet.
Als Abschiedsgeschenk erhalte ich von Maria eine hübsche gewebte Umhängetasche und einige der Kekse mit Schokofüllung. Ein kleiner Pudelmix bellt im Garten. Auch er an der Kette, allerdings mit deutlich mehr Bewegungsfreiheit als die anderen Vierbeiner, die mir begegnet sind. Gaston, der frei umherläuft, blickt zu seinem Kumpel mit dem für Vizslas typischen Stirnrunzeln. Vielleicht erinnert er sich an seine Vergangenheit in Ungarn, bevor wir ihn über eine Tierschutzorganisation bekamen!?


Bevor wir Sapanta verlassen besuchen wir noch den alten Friedhof auf einem Hügel. Er ist deutlich verwilderter als die Grabstätte im Ort, doch die bemalten Holzkreuze sind ähnlich. „Da oben kostet die Grabstätte nichts“, hat uns Maria noch mit auf den Weg gegeben.
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