Oldenburg
Nur ein kurzes Wochenende hatte ich Zeit, Oldenburg kennen zu lernen. Verbunden war es mit einem Besuch bei zwei lieben Freundinnen: Nicht erst am Bahnhof, als ich mir das Zugticket kaufte, erfuhr ich, dass es in Deutschland zwei Oldenburgs gibt. Ich vergewisserte mich noch einmal, dass mich der Zug nach Oldenburg in Oldenburg bringt und nicht nach Oldenburg irgendwo an der Ostsee-Küste. Ich war noch nie in Oldenburg in Oldenburg gewesen, dieser angeblichen Perle des Nordens. Umso erstaunter war ich, als ich hörte, dass Oldenburg nach München auf Platz 2 der Liste mit den deutschen Städten sei, die über die höchste Lebensqualität verfügen. Zu Recht, stellte ich bald fest.


Eine Fränkin im hohen Norden
Mir begegneten Menschen, die Spaß am Leben zu haben schienen und die sich auch nicht scheuten, mich, eine Fränkin und zudem noch Bayerin, in ihre Gemeinschaft aufzunehmen. Neue Kontakte ergaben sich in Nullkommanix und Gespräche mit der lokalen Bevölkerung ebenso.
Zu Mittag, gleich nach Ankunft, aßen wir im Restaurant Altera (www.altera-hotels.de) das laut den Tipp meiner Freundinnen auch als Hotel mitten im Stadtzentrum zu empfehlen sei. Und am Abend wurde ich mit einer Show im Oldenburgischen Staatstheater überrascht. In der Tat, die Tanzshow Plafona von den Israelis Sharon Eyal und Gai Behar bewegte sich zwischen harten Techno, kraftvollen Bewegungen und einem futuristischen Tanzstil. Eine fast schon robotische Körpersprache steht bei den Werken im Vordergrund. Gezeigt wird die Zerrissenheit des Individuums, die Gleichförmigkeit der Masse und die Frage nach dem eigenen Ich. Für alle Modern Dance-Fans ein absolutes Muss! Weitere Vorstellungen finden am 19. und 30. Januar 2013 statt (Spielplan).

Techno im Gründerzeit-Outfit
Techno-Musik im beeindruckenden Oldenburger Gründerzeit-Theater sah ich als wohltuenden Kontrast. Nicht jeder denkt so, doch mir gefiel diese Gegensätzlichkeit. Gleich gegenüber vom Theater liegt das In-Lokal Bestial. Hier ließen wir den Abend ausklingen. Empfehlen kann ich die Pizza Nummer 1. Wahrhaft lecker mit Nüssen, Feigen, Zucchini und Akazienhonig. Ein Gaumenschmaus für alle, die mal was Neues ausprobieren wollen.

Natürlich durfte eine Stadtführung nicht fehlen. Die 160.000 Einwohner Oldenburgs rühmen sich, nicht nur eine exzellente Lebensqualität zu haben, sondern auch noch im Geburtsort von Mega-Star Dieter Bohlen zu leben. Genau, hier wuchs das Allroundtalent auf, wie ein Graffiti mitten in der Stadt zeigt.
Berühmter Sohn der Stadt: Dieter Bohlen


Lange vor Bohlens Geburt, nämlich im Jahr 1676 wütete in Oldenburg ein großer Stadtbrand. Über 700 Häuser brannten, ausgelöst durch einen Blitzschlag, nieder. Eines der wenigen erhaltenen Häuser ist das Degodehaus am Markplatz aus dem Jahr 1502. Das Fachwerkhaus mit seinem steilen Giebel besitzt innen eine sehenswerte bemalte Holzdecke. Den Namen erhielt das Haus übrigens von seinem ehemaligen Besitzer, dem Kaufmann Wilhelm Degode.


Durch die Gassen der Altstadt geht es zum „angelappten“, angesetzten Wahrzeichen von 1467. Es ist das Älteste der Stadt. Die Oldenburger nennen es liebevoll „Lappan“. Der 35 Meter hohe Glockenturm mit Renaissancehaube überstand den Stadtbrand von 1676 unbeschadet. Zurück zum Marktplatz, wo seit 1888 das heutige Rathaus auf dem dreieckigen Grundstück steht.

Oldenburg erfindet die Postkarte
Und in Oldenburg wurde am16. Juli 1870 vom Hof-Druckereibesitzer August Schwartz die erste Ansichtskarte erfunden und natürlich auch versandt.


Gleich neben dem Schlosswall und in der Nähe des Schlosses steht der Pulverturm. Unmittelbar daneben liegt das Büro meiner Freundin, das man sowohl von der Fußgängerzone aus erreichen kann, wie durch einen verwunschenen Garten, der direkt hinter dem Schlosswall liegt. Wie idyllisch! Der Pulverturm wurde 1529 erbaut und ist das einzige noch erhaltene Bauwerk der Oldenburger Stadtbefestigung. Meine Freundin befindet sich also in bester historischer Gesellschaft.

Übermorgen-Stadt
Seit 1998 wird in dem Denkmal geschützten Gebäude die Ausstellungsreihe „Keramik im Pulverturm“ präsentiert, die ein Forum der Nachwuchskünstlerförderung der Stadt Oldenburg ist. Oldenburg wird übrigens auch als „Übermorgen-Stadt“ bezeichnet. Warum? Nur fünf Städte wurden zwischen 2005 und 2009 offiziell als „Stadt der Wissenschaft“ ausgezeichnet. Bremen war die erste, dann folgten Dresden, Braunschweig, Jena und Oldenburg. Der Titel „Stadt der Wissenschaft“ scheint wertvoll zu sein. Denn er zeige, dass in Oldenburg viele kluge Menschen leben. Sie machen sich Gedanken, wie die Dinge funktionieren und wie die Zukunft aussehen wird. So sagt man zumindest vor Ort. Doch zurück zum Pulverturm. Als Ausstellungs-Highlight im Kultursommer wird jungen, begabten Künstlerinnen und Künstlern die Möglichkeit geboten, keramische Installationen im mittelalterlichen Turm zu präsentieren. Professoren der führenden Kunsthochschulen in Deutschland empfehlen für diese Ausstellung begabte Meisterschüler und Absolventen. Der Preis beinhaltet eine Einzelausstellung im Pulverturm und einen die Ausstellung begleitenden Katalog. Die Keramik-Ausstellung erfreut sich großer regionaler und überregionaler Akzeptanz, darunter viel Fachpublikum.



Römischer Pantheon und Schienenersatzverkehr
Nicht zu vergessen ist die St. Lamberti-Kirche. Mit ihren prägnanten fünf Türmen erhebt sich die St. Lamberti-Kirche am Oldenburger Markplatz gleich in der Nähre des Rathauses. Erbaut zwischen 1155 und 1234 als romanische Saalkirche wurde sie mehrfach umgebaut. Der erste äußere Eindruck wirkt eher ernüchternd. Die im Innern dem römischen Pantheon nachempfundene Rotunde gehört dagegen zu einer der wenigen in Deutschland.


Das Wochenende in Oldenburg ist schnell vorbei, zu schnell, um alles zu erfassen und zu verarbeiten. Sonntagabend dann im Oldenburger Hauptbahnhof. Anzumerken ist, dass es auch hier historisches zu entdecken gibt, denn genau hier eröffnete 1867 die erste Eisenbahnverbindung zwischen Bremen, Oldenburg und Wilhelmshaven. Doch trotz dem bedeutenden geschichtlichen Ereignis ging heute nichts mehr. Kurz vor dem Bahnhof war ein Zug entgleist, der für zwei Tage den Zugverkehr lahm legte. Personen wurden Gottseidank nicht verletzt. Macht nichts! Es gab den Schienenersatzverkehr, wie man die eingesetzten Busse liebevoll nannte. Die brachten mich dann in der Nacht noch südlich, damit ich per Zug von Hannover aus meine Reise in den Süden fortsetzen und beenden konnte. In der Tat – Oldenburg ist eine Reise wert. Und: Ich komme wieder!
Foto-Collage Titel: Nicola Mesken (www.nicola-mesken.com)
Alle anderen Fotos: sl4lifestyle



Das hört sich wirklich toll an! Was für ein Wochenende! Ich war vor einigen Jahren für wenige Stunden in Oldenburg, eine wunderbare Stadt! Aber wie gesagt, viel zu kurz, um ausreichend zu sehen. Ich erinnere mich aber noch sehr gut daran, wie lecker das Essen war, wie niedlich die Straßen und Häuser in der Innenstadt und welche Offenheit die Menschen ausstrahlen. Es ist sicher ein Ort, den man wieder besuchen kann 🙂
Da hast du Recht. Es sind auch gerade die Orte, von denen man am wenigsten erwartet. Und von Oldenburg wurde ich richtig überrascht.
Es ist seltsam, so über die eigene Stadt zu lesen, in der man – mit Unterbrechungen – lebt und vor allem aufgewachsen ist. Warum ist es seltsam? Einfach, weil man alles als selbstverständlich betrachtet und gar nicht mehr hinsieht oder hinterfragt. Sabine, durch Dich habe ich viele Dinge wahrgenommen, und sehe sie tatsächlich nun. Vielen Dank für diesen schönen Bericht. Wir hoffen alle, Du kommst bald mal wieder!
Liebe Sabine, wie gern habe ich diesen Bericht gelesen. Vielen Dank. Wirklich schade, dass Du nur sehr kurz hier warst. „Ich komme wieder“ ist ein Versprechen, oder? Und dann werden wir gemeinsam die Stadt erkunden.
Danke für Eure netten Kommentare zur Perle des Nordens: Oldenburg! Ihr habt mir die Stadt wunderbar ans Herz gelegt. Ich denke gerne zurück. Bis bald!
Ein wundervoller Artikel über meine Heimatstadt, die ich einfach mag :). Solange man nichts von einem Amt will, ist die Lebensqualität wirklich toll.
Vielen Dank für diesen Beitrag!
So, so, die Beamten!! Genau! Mit der Bürokratie ist es doch immer das Gleiche …
Danke für diesen tollen Blogeintrag über meine geliebte Heimatstadt und ebenfalls viele liebe Grüße aus Oldenburg!
Jahrelang wollte ich weg aus dieser für mich damals trostlos scheinenden Stadt. Mittlerweile bin ich froh hier hängen geblieben zu sein! Proud to be Oldenburgian!
Servus Sabine, ich ein SüdBayer der ähnlich wie Enrique mal in Oldenburg i.O zu Hause war, habe mit Begeisterung Deine Darstellung über Oldenburg gelesen. Erstaunt war ich dabei-dass Du eine wichtige Persönlichkeit der auch die Stadt Oldenburg in Holstein ihren Namen verdankt übersehen
hattes-zu erwähnen. Ich meine hierbei Graf Anton Günter zu Oldenburg mit seinen Schlössern in Oldenburg und Rastede und seinem Sitz in Holstein. Jedes Jahr wenn in Oldenburg der über die Landesgrenzen hinweg bekannte Oldenburger Kramermarkt seine Toren öffnet-wird dieser in Gestalt des Grafen Anton Günter zu Oldenburg hoch auf seinem Schimmel (Pferd) sitzend- das zudem eine lange weiße Mähne und einen noch längeren weißen Schwanz hat, eröffnet. Erst danach ist der Markt für die Besucher freigegeben.
PS:Ich schreibe nach dem Lyrikstil ohne Kommas.
LG aus Bad Birnbach/Bayern
Carlo
Danke Carlo, für Deinen interessanten Beitrag. Ich freue mich, dass mein Text über Oldenburg auch in Bayern gelesen wird.
LG
Sabine