Milena ist sechzehn. Zeit ihres Lebens wohnt sie bereits in Miranda, einer Favela in einer der ärmsten Gegenden Rio de Janeiros. Der tägliche Kampf ums Überleben, Gewalt, nächtliche Schießereien, Armut und Angst haben Milenas kurzes Leben geprägt. Sie weiß, dass sie nie die Möglichkeit haben wird, dieses Leben zu verlassen. Sie, Milena, ist ein Kind der Favela. Tagsüber hilft sie der Mutter beim Nähen. Hosen, Röcke und Hemden werden an Nachbarn und Freunde verkauft. Milena kann schon gut nähen. Sie ist stolz darauf, zum Unterhalt der Familie beitragen zu können. Schließlich ist sie als Älteste für ihre fünf jüngeren Geschwister verantwortlich. Alles hat sich verändert, seit der Vater die Familie verlassen hat.
Die Nacht gehört dem Tanz, dem Rhythmus des Samba. Die Sambaschule der Favela ist gut und hat schon viele Preise gewonnen. Milena ist Mitglied dieser Sambaschule. Die nächtlichen Übungsstunden fordern ihre Tribute. Doch alle Mühen und Opfer zielen nur auf ein Ereignis hin. Der große Tag, der nur einmal im Jahr stattfindet. An Karneval ist die riesige Parade der Sambaschulen im Sambodrom. Nur die besten Schulen dürfen teilnehmen. Und die, die dabei sind, haben es geschafft. Milena weiß, dass das ihre Chance ist. Die Chance ihres Lebens, endlich die Tristesse der Favela verlassen zu können. Sie muss gut sein. Verbissen übt sie, tanzt und kämpft gegen die allabendliche Müdigkeit an. Voller Ehrgeiz ist sie. Sie weiß, dass sie es schaffen kann. Milena – die Sambakönigin. Einmal dem Elend und der Trostlosigkeit entrinnen zu können. Die Familie glaubt an sie und ihr Talent. Die wenigen Ersparnisse werden zusammengetragen. Stoff, Pailletten, Federn werden gekauft. Ein wunderschönes Kleid soll daraus entstehen – ganz weiß, unterstrichen durch den matten Schimmer unzähliger Perlen.
Die folgenden Tage und Wochen sind geprägt von Bangen und Hoffen. Wird sie es schaffen? Haben sich ihre Mühen, Entbehrungen und die vielen schlaflosen Nächte wirklich gelohnt? Kurz vor Karnevalsbeginn wird Milena schließlich zur Sambakönigin ihrer Schule ernannt. Sie darf die Parade anführen. Sie ist glücklich. Die Favela ist nun ihr Königreich. Für eine einzige Nacht darf sie die Anonymität verlassen – sie, die Königin der Sambaschule. Für eine einzige Nacht erfüllt sich der Traum ihres Lebens. Milena ist schön und ihre Schönheit wird durch den weißen Glanz ihres Kleides noch unterstrichen. Eine Krone aus Federn und Pailletten zieren ihr Antlitz wie ein kostbares Diadem.
Milena genießt jede Sekunde dieser Nacht, der längsten Nacht ihres Lebens. Zuschauer, Blitzlichtgewitter, Kameras, Trommelwirbel – alles verdichtet sich zu einem ekstatischem Schauspiel. Sie wünscht die Unendlichkeit dieser Nacht herbei. Die Unendlichkeit einer Nacht, in der sich ihr Leben, ihr Traum erfüllt. Doch schon zeigen sich lichte Spuren am nächtlichen Himmel. Unaufhaltsam werden die hellen Schimmer des nahenden Morgens Milenas Illusion zerstören. Wie ein drohendes Unheil rückt der Tag heran. Bald wird die Musik verstummen. Der Tanz ist vorbei. Erschöpft sinkt Milena nieder. Ihr weißes Kleid mit den Perlen, Pailletten und Federn fällt in sich zusammen. Ein sterbender Schwan.
Milena erhebt sich langsam. Es ist heller Tag. Der Traum der Nacht ist vorbei. Sie weiß, dass sie in den Alltag der Favela zurückkehren muss.


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