Prince weiß, dass es seine letzten Stunden sind. Der junge, gesunde Labradorrüde liegt auf dem kühlen Metalltisch des Tierarztes und wartet auf die Spritze, die das Ende bedeuten wird. Sein Herrchen beugt sich über ihn, streichelt das Fell um seinen Maulkorb und redet ihm zu. Alles wird gut.
Nichts wird mehr gut werden. Prince hat verloren, er hat seine Familie nicht retten können. Mit dem Einsatz seines Lebens hat er alles gegeben, was er konnte, für sie, seine Lieben, die ihn nie verstehen werden. Er weiß, dass er alles richtig gemacht hat, auch, dass er nun dafür mit seinem Leben bezahlen muss. Aber er ist ein Labrador, und da zählt nur eines: Pflicht, Liebe, Verantwortung. Bis in den Tod.
Ich habe nur wenige Bücher gelesen, die mein Herz so berührt haben. Wieder einmal kommt man der Hundeseele ein Stückweit näher. Natürlich spricht dieses Buch vor allem Hundebesitzer wie mich an, doch jeder von uns weiß, dass dies die Wahrheit ist, nichts als die Wahrheit.
Matt Haig: Für immer, Euer Prince, 379 Seiten, 8,95 Euro (evtl. nicht mehr lieferbar und nur noch gebraucht zu kaufen, z. B. bei Amazon)
English title: The Last Family in England.



„Für immer, euer Prince“ erzählt die Geschichte einer Familie durch die Augen ihres Hundes. Ungeschminkt, weise und so direkt, wie Hunde nun mal sind, gewährt sie Einblicke in die Eigenheiten und Eigenartigkeiten der Menschen und ihre Probleme und „Abgründe“ in einer „ganz normalen“ Familie. Die Geschichte von Prince, die genau deswegen so oft zum Schmunzeln bringt, fesselt, berührt und nachdenklich zurücklässt, denn eines wird sich ändern … Du wirst deinen Hund mit anderen Augen sehen und es wird nicht mehr dasselbe sein, wenn er dich wieder „so“ anschaut!
Wer sagt, unsere Hunde könnten uns nicht verstehen?
Unsere Hunde kennen uns so gut, wie kein anderer. Sie kennen uns in den glücklichsten und in den unglücklichsten Momenten unseres Lebens. Sie kennen unser wahres Ich. Unsere schönsten und unsere hässlichsten Momente. Sie kennen unser Innerstes ohne Maske. Unsere Schwächen, die keiner kennt. Unsere Wut. Unseren Neid. Unsere Angst. All das, was wir so gern vor anderen verbergen und was unausgesprochen bleibt. Sie nehmen es tief in uns wahr. Sie kennen uns, wenn wir nackt vor dem Spiegel stehen, kennen unseren Sex, unsere Lust, unsere Gier. Unsere tiefsten Gefühle. In deren Welt wir alle zuhause sind. Sie spüren unser Unbehagen, wenn keiner es spüren kann. Sie hören das, was wir sagen, wenn keiner uns hören kann. Sie sind es, die wissen, was hinter den Worten steckt, denn sie sind nur ein kleiner Teil der Botschaft und können niemals die ganze Wahrheit sein. Unsere Hunde wissen all das, und das ist so viel mehr, als Sprache transportieren kann und was den meisten für immer verborgen bleibt. Vielleicht ist es das, was sie uns immer wieder sagen wollen, wenn sie uns so anschauen! Dass sie uns verstehen! Wenn wir wir selbst sind!
Sie sind in unseren Familien, immer anwesend, immer freundlich, immer nett, immer da, immer bereit, uns zu schützen. Ihr größter Wunsch … dass alle glücklich sind! Ihre wichtigste Mission … die Familie zusammenzuhalten. Sie sehen alles, hören alles, verstehen alles … auch wenn sie uns oft Glauben machen, dass es nicht so ist. Nicht so sein kann … Denn Hunde sind schlichte Gemüter, fertig! Ist auch einfacher. Denn das ist die Beziehung zwischen Mensch und Hund. Einem Herren und seinem Begleiter. Der stumm tut, was man ihm sagt, der mit einem Spaziergang in den Park, einem weichen Korb, Hundekeksen und belohnendem Tätscheln zufrieden und glücklich ist. Diese „Wahnsinnswedler mit dem treuen Blick“. Es gibt ein freudiges Wedeln, ein schlichtendes, ein tröstendes … ganz sanft nur, um uns zu beruhigen. Ja, sie wissen, dass wir ihre Sprache nicht verstehen und deshalb müssen sie auf diese für jeden Unwissenden offensichtlichen Ausdrucksweisen zurückgreifen, um ganz sicher zu gehen! Manchmal, ja manchmal, in den ganz innigen und emotionalen Momenten hoffen sie, dass doch etwas ankommt. Dann, wenn wir ihnen ganz tief in die Augen sehen, wenn wir weinen, verzweifelt sind und da jemand an unserer Seite ist, der uns zuhört. In diesen Momenten, in denen sie uns so anschauen und wir das Gefühl haben, dass sie uns ganz dringend etwas sagen wollen. Aber nein, das kann ja nicht sein … Weit gefehlt! Denn sie wissen alles, was in Familien und in uns vorgeht und oft versuchen sie zu retten, was zu retten ist, damit alles wieder gut wird! In ihrer Verzweiflung greifen sie auf „Fehlverhalten“ zurück, das Menschen nicht mehr übersehen können … um uns zu sagen, dass etwas überhaupt nicht stimmt! Mit uns, mit unserer Familie … Kopfschüttelnd betrachten wir sie dann, fragen uns, was in sie gefahren sein kann. Bestrafen sie, um sie auf den richtigen Weg zurückzuführen, nämlich auf den eines einfachen Hundes, der auch bitteschön so zu funktionieren hat. Manch einer landet letztendlich im Tierheim, wird abgegeben als problematischer Hund und kann uns dann nicht mehr helfen. Mission verfehlt. Problem verdrängt. Abgeschoben. Auf den Hund. Ohne zu erkennen, dass es unser eigenes Problem ist, das da im Tierheim sitzt. Tausende Hunde haben versagt, ihre Familie, ihren Menschen retten zu wollen. Haben vergeblich versucht, ihm etwas zu sagen.
Manche geben auf, manchen ist es auch egal. „Alles für die Familie!“ ist auch nicht leicht für einen Hund heutzutage. So wie für Prince, der letztendlich sterben musste und doch nur eines wollte: Die Familie zusammenhalten!“
Copyright: Sylvia Raßloff http://www.tiere-verstehen.com
Danke, Sylvia, für die wunderschöne Betrachtung eines besonderen Buches!