Fußballfieber aus afrikanischer Perspektive

von Gastautorin Birgit Schönharting
Blog: grussvonunterwegs

P1050182Als bekennende WM-Fußball-Virus-Ergriffene war es schon ein bisschen komisch, die Vorrunde dieser sportlichen Ausnahmezeit weder auf Straßen und Plätzen in Deutschlands schwarz-rot-goldenem Fahnenmeer noch im Gastgeberland der Seleção zu verfolgen.

Aber meine eigenen Reisepläne bzw. die Verfügbarkeit von freien Tagen meines „travelmates“ und mir sahen Anderes vor, und so wanderten also ins Reisegepäck auf die dreiwöchige Südost-Afrika-Tour nach Sambia, Malawi und Tansania auch einige Fanartikel, die klar erkennen ließen, welcher Nationalität ich zuzuordnen bin (dachte ich zumindest, bis mir jemand jubelnd „France“ zurief – na gut, auch ich weiß nicht alle Nationalfarben der afrikanischen Länder auswendig!!).

P1190979Neben Fahne (eignet sich bestens als ostafrikanischer Wickelrock, genannt „Kanga“), Schminkstift für Kriegsbemalung, Schal und Kopfbedeckung (es ist ja schließlich „Winter“ auf der Südhalbkugel) konnte ich mit einem sehr passenden Trikot aufwarten, das ich mir für 2010 mit dem ostafrikanischen Suaheli-Wort „Dada“ (= Schwester) bedrucken ließ. Außerdem war ich besonders angetan, dass es bei einem großen deutschen, ehemals hauptsächlich durch Kaffeeverkauf bekannten Unternehmen „Deutschland-Flipflops“ (genaugenommen DAS typischste afrikanische Schuhwerk) zu erstehen gab – die waren natürlich auch am Start, und zwar gleich in doppelter Ausführung.

IMG_1679Auch wenn meine drei besuchten Länder nicht zu den allerstärksten Fußballnationen dieses Kontinents gehören, weiß man aber trotzdem nicht erst seit der WM 2010, dass das runde Leder (hier oft auch noch aus einer mit zusammengewickelten Stofffetzen und Gummibändern verstärkten aufgeblasenen Tierblase oder einem Luftballon bestehend) überall hochbeliebt ist. In fast jedem noch so abgelegenen Dorf findet man irgendwo zumindest einen „Bolzplatz“ mit zwei torähnlichen Gebilden.

Sofern also öffentliche Fernsehgeräte zu finden sind, sollte die Fernunterstützung bei den deutschen Spielen ja wohl kein Problem darstellen!

P1040758Und für wen schlägt das afrikanische Fußballerherz? Eine schöne aktuelle Einstiegsfrage beim Kennenlernen auf der Straße.

Da weder Sambia noch Malawi oder Tansania selbst vertreten waren, wird das afrikanische Gemeinschaftsdenken einfach ausgeweitet – und die Unterstützung und das Mitfiebern gilt zu allererst den anderen Vertretern des schwarzen Kontinents, also Ghana, Nigeria, Kamerun, Elfenbeinküste und auch Algerien. Selbst die TV-Werbungen zielen auf „Africa United“ ab: „No matter what nation, we are all Team Africa“ (oder so ähnlich!). Schade, dass es zuletzt dann mal wieder nur zwei Vertreter bis in die Hauptrunde geschafft haben.

Ansonsten schlagen die Herzen für Favoriten wie Brasilien und Spanien. Und sehr, sehr häufig eben auch für die Deutschen: Außer beim Spiel gegen Ghana zeigten die Daumen immer schnell nach oben, wenn es um „la Mannschaft“ ging und klar war, dass wir aus Deutschland kommen.

P1050184Und prompt werden uns Namen wie „Lahm“ oder (trotz schwierigster Aussprache) „Sweinstaiger“ zugerufen. Dass „Osil“ nicht unbedingt typisch deutsch ist fällt hier nicht weiter auf, und fleißig üben unsere malawischen Freunde mit uns die Umlaute für ein langgezogenes „Ööööööööözil“ und „Müller“.

Dass meine Reisebegleitung trotz gleichem Nachnamen mit unserem Torjäger NICHT verwandt ist, wundert nur kurz. Nur beim deutschen Torwart bleiben die Jungs beharrlich beim „Sprachfehler“: NEVER heißt dieser, und zwar deshalb, weil er (fast) never einen Ball ins Netz lässt! Das müsste man ihm eigentlich mal als Fanpost schreiben! Also, als deutsche Fans hat man nichts Negatives zu befürchten und wir hatten auch nichts dergleichen zu vermelden.

P1040752Liveticker: Das Vorrundenmatch Nummer eins gegen Portugal verfolgen wir in einer kleinen Strandbar in Nkhata Bay am Malawisee, während draußen am Lagerfeuer von unseren Freunden ein Dankeschön-Essen gekocht wird. „Geschmückt“, als einzige zwei Weißhäute weit und breit, inmitten einer recht verhaltenen Gruppe junger Malawier (Frauenquote geschätzt 10 Prozent, mit uns inklusive)!

Getrunken wird hier wenig (mangels finanzieller Möglichkeiten der Zuschauenden), ein kleiner Stromausfall belastet zum Glück nur ein paar Minuten lang unser Nervenkostüm. Kein Massenjubel, kein Autokorso – eher beschaulich. Aber nicht minder schön – die „Alles-Müller-oder-was“-Show!

P1190980Zweiter Akt: Ein Pub und Nightclub in Iringa/Tansania. Die Stimmung nicht gar so „pro-deutsch“, schließlich geht es gegen Ghana. Trotzdem findet man uns und unsere Verkleidung „lustig“, besonders mein Shirt macht nun eben Sinn und wird erfreut aufgenommen. Die ghanaischen Tore werden mit Applaus und lautem „Ahsante“ („Danke“)-Rufen bekundet, schlussendlich können irgendwie alle mit dem Unentschieden leben, auch wenn Ghana den Sieg ja doch dringend gebraucht hätte. Unsere nun wegen uns parteiischen Freunde in Malawi haben wohl beim Rufen der neu gelernten deutschen Namen nach eigenen Aussagen einiges riskiert an diesem Abend, sind aber ungeschoren davongekommen!
P1200099Teil drei: Am Abend vor dem Rückflug nach Deutschland schmeißen wir uns nochmal in Schale und wollen das Spiel gegen die USA in der tansanischen Metropole Dar es Salaam anschauen. Scheint die einfachste Aufgabe zu werden, hier etwas Passendes zu finden. Doch wie naiv beziehungsweise beschränkt kann man denn sein?

Wir haben schlichtweg egozentrisch verdrängt, dass das Parallelspiel Ghana gegen Portugal für die Afrikaner doch einfach viel wichtiger ist als unseres und auch Konferenzschaltungen nicht überall an der Tagesordnung sind. Und so irren also zwei Schwarz-Rot-Goldene verzweifelt und erfolglos zwischen Heimkino bei Freunden, Pub eins, zwei und drei umher, um schließlich doch nur das (zum Glück positive) Endergebnis bibbernd und ohne Bilder nach Spielschluss zu erhalten.

P1190983Das lief dann mal wohl nicht ganz wunschgemäß! Wir haben versucht, es mit afrikanischer Gelassenheit zu ertragen, wenigstens durften wir unterwegs ein paar Mädels mit unserem Schminkstift verzieren. Die Zusammenfassung hat uns dann immerhin am Flughafen die Wartezeit verkürzt.

Mein Trikot habe ich aus Fanverbundenheit auch bei der Heimreise noch getragen, und habe damit noch den ein oder anderen anfeuernden Kommentar oder Glückwunsch erhalten. Ein kenianischer Steward auf dem Flug von Nairobi nach Amsterdam meinte strahlend in bestem Deutsch: „Ich bin auch großer Fan der Deutschen!““ Und der holländische Sicherheitsbeamte im Schiphol-Airport meinte freundlich zwinkernd:
„Und – denkst Du, Ihr holt die Trophäe?“

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Natürlich wäre ich gern noch länger in afrikanischen Gefilden geblieben, und vieles auf meiner Reise hat den bisherigen Verlauf der WM und ihre Themen in den Schatten gestellt. Aber ein kleines bisschen freue ich mich nun doch auch auf das Mitfiebern hier vor Ort in Deutschland!

Gemeinsam zittern und hoffentlich gemeinsames Jubeln, das ist schon etwas Besonderes. Schön jedenfalls zu wissen, dass wir zusätzlich auch auf halber Strecke ein paar afrikanische Unterstützer auf unserer Seite haben. Gut, wohl noch nicht in vollem Ausmaß gegen Algerien, aber vielleicht und hoffentlich ist das noch nicht das letzte Spiel der deutschen Elf!

P1030126Schal und Hut sind übrigens als begehrte Freundschaftsgaben in Afrika geblieben, die Sandalen habe ich aber trotz intensiver Anfragen nicht hergegeben! Die werden jetzt erstmal noch zur Unterstützung gebraucht!

Also, auf geht’s … Schlaaaaaaand!

Fotos: Archiv B. Schönharting

 

 

Über sl4lifestyle

Journalistin aus Leidenschaft, Tierschützerin mit Hingabe und neugierig auf das Leben. Ich stelle Fragen. Ich suche Antworten. Und ab und zu möchte ich die Welt ein Stückweit besser machen ... Manchmal gelingt es!
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