„Hier sind wir Menschen!“

Ein brasilianisches Leben mit Fußball und Lepra

Brasilien muss immer Weltmeister werden – egal, wie schlecht die Nationalmannschaft auch spielt. In der eigenen Vorstellung gibt es kein besseres Team. Aber in dieser Vorstellung gibt es auch keine Lepra, und doch erkranken jedes Jahr allein nach der offiziellen Statistik mehr als 33.000 Menschen in Brasilien daran. Noch bis vor 30 Jahren wurden erkrankte Menschen deportiert und in Kolonien eingesperrt. Familien wurden zerrissen, Leben zerstört, Schicksale verändert.

von Gastautor Jochen Hövekenmeier

Flavio Serafin Lisboa

Flavio Serafin Lisboa

Fußball ist ein wichtiger Teil seines Lebens. Flavio Serafin Lisboa hat selbst erfolgreich gespielt und seine Helden gefeiert – die von Flamingo Rio de Janeiro und natürlich der Seleção. Aber am meisten liebt er „o jogo bonito“, „das schöne Spiel“, für das sein Brasilien früher so berühmt war: „In Deutschland wird derzeit der schönste Fußball gespielt“, sagt Lisboa und deutet auf seine Mütze. Borussia Dortmund hat ihn begeistert, dieses schnelle Offensivspiel, das ihn an die guten Zeiten seiner Seleção erinnert.

Als Brasilien 1958 in Schweden zum ersten Mal Fußball-Weltmeister wurde, tanzte er als Zwölfjähriger mit seinen Freunden auf der Straße vor dem Waisenhaus. Weltmeister, endlich. Vergessen der harte Alltag des Jungen, der damals glaubte, keine Eltern mehr zu haben. Dass er als Säugling seinen Eltern entrissen wurde, sollte Lisboa erst vier Jahre später erfahren.

Wieder war Fußball-WM, und Brasilien sollte seinen Titel verteidigen. Doch Lisboa konnte und wollte auch nicht feiern, er war eingesperrt, in Isolationshaft, und hat von der WM nichts mitbekommen. Gegen ein Gesetz hatte er nicht verstoßen und war trotzdem mit einem in Konflikt geraten. Lisboa war an Lepra erkrankt und wurde sofort nach Bom Fim gebracht, der Lepra-Insel in der Bucht von São Luís.

Bom Fim, die Lepra-Insel in der Bucht von Sao Luis.

Bom Fim, die Lepra-Insel in der Bucht von Sao Luis.

Nach der Entlassung aus der Isolationshaft wurde ihm eine kleine Hütte zugewiesen. Hier sollte er von nun an leben, in der Leprakolonie Bom Fim, auf Deutsch: „Gutes Ende“, an Zynismus kaum zu überbieten. „Sie haben mir gesagt, dass ich hier sterben werde und mir dann noch ein gutes Ende gewünscht“, erinnert sich Lisboa.

Der Fußball und die Weltmeistermannschaft, die der damals 16-Jährige bislang so verehrt hatte, waren so weit weg. In seinem Kopf musste der Jugendliche so viele Dinge ordnen: die vielen Kinder aus dem Waisenhaus, die adoptiert wurden, nur er blieb immer übrig. Die Schwestern, die den zukünftigen Eltern immer etwas zugeflüstert hatten, als er gerade hoffte, endlich doch adoptiert zu werden. Was war dieser Makel, den er offenbar hatte, über den jedoch niemand mit ihm sprechen wollte?

Der Makel hieß Lepra. Hunderttausende Menschen in Brasilien waren damals an Lepra erkrankt, und per Gesetz wurden sie in Kolonien deportiert. Das hat ihm sein Nachbar erzählt, der ihm auch gezeigt hat, wie er hier zurechtkommt in Bom Fim. Lepra? Aber das hat doch erst vor wenigen Wochen ein Arzt festgestellt, der regelmäßig ins Waisenhaus gekommen war. Immer alle Kinder untersucht, ihn besonders intensiv und mit Abtasten der Haut.

Eine Straße in Bom Fim.

Eine Straße in Bom Fim.

Sein Nachbar wusste, warum: Flavio wurde hier geboren, hier in der Leprakolonie. Er ging mit dem Jugendlichen über die Insel, als er ihm das erzählte und plötzlich blieb er vor einer alten, aber gepflegten Hütte stehen. Hier wurde er geboren, und hier lebten seine Eltern heute noch. Die Behörden hatten Flavio zu seinem ersten Geburtstag abgeholt und ins Waisenhaus gebracht, weil er damals nicht an Lepra erkrankt war.

Als er das alles verarbeitet hatte, überwog die Freude in ihm: Er war doch kein Waise, er hatte Eltern, eine richtige Familie. Zwei Brüder und eine Schwester lebten bei den Eltern, ebenfalls an Lepra erkrankt. Acht weitere Geschwister wurden wie Flavio abgeholt und auf Waisenhäuser im ganzen Land verteilt.

Zumindest ein kleiner Teil der Familie war wieder vereint, Flavio hat seinen Lebensmut wiedergefunden und auch die Lust am Fußball. Er schloss sich einer der Mannschaften an, die in Bom Fim Fußball spielten. Es gab vier Mannschaften auf der Insel, Lisboas Team war das Beste: „Fast jedes Jahr waren wir Meister und durften dann ein Mal im Jahr die Insel verlassen, um gegen die Meister aus anderen Kolonien zu spielen.“

Gern hätten die Fußballer der Lepra-Insel auch gegen andere Teams gespielt, in einer ganz normalen Liga, aber das erlaubten die Gesetze nicht: „Wir waren ja Gefangene, durften nur mit scharfer Bewachung zu den Spielen auf dem Festland und wurden danach sofort wieder zurückgebracht. Und selbst, wenn sie uns gelassen hätten, mit uns wollte doch niemand spielen, sie hatten alle Angst vor uns Leprakranken.“

Immer wieder hätten Menschen aus Bom Fim versucht, der Gefangenschaft zu entkommen, erinnert sich der heute 68-Jährige: „Aber nicht während unserer Reisen mit dem Fußballteam. Wäre auch nur einer von uns abgehauen, hätten wir nie wieder außerhalb der Insel spielen dürfen.“

Viele wollten die bei Ebbe nur gut einen Kilometer entfernte Stadt Sao Luis schwimmend erreichen. Doch neben Patrouillenbooten der Polizei gab es noch weitere Hindernisse: „Die starke Strömung hat viele Schwimmer hinaus auf das offene Meer getrieben, und früher gab es hier sehr viele Haie. Die meisten sind nirgendwo an Land gekommen.“

Früher wollten viele aus der ehemaligen Leprakolonie abhauen. Doch die starke Strömung und Haie in der Bucht von São Luís machten ihre Pläne zunichte.

Früher wollten viele aus der ehemaligen Leprakolonie abhauen. Doch die starke Strömung und Haie in der Bucht von São Luís machten ihre Pläne zunichte.

Später konnte Flavio Lisboa nicht mehr im Tor seiner Mannschaft stehen. Nicht, weil er zu alt gewesen wäre mit damals 30 Jahren, sondern weil seine Hände von Lepra gezeichnet waren. „Wir mussten einen meiner Finger amputieren. Und wenn ich ‚wir‘ sage, dann meine ich ‚wir‘. Die Ärzte der Regierung sind fast nie zu uns gekommen, die hatten Angst vor uns und wollten uns nicht behandeln.“

Flavios Hände sind von der Lepra gezeichnet.

Flavios Hände sind von der Lepra gezeichnet.

Das war die Zeit, als sich die bis dahin sehr rigiden Vorschriften etwas gelockert hatten: „Wir durften nun auch draußen arbeiten oder leben“, erinnert sich Lisboa. Doch gelohnt hat sich das nicht, zumindest nicht für ehrliche Arbeit: „Nach dem Antrag bekam man einen Prokurator zugewiesen. Der sollte vermitteln, hat aber nur abkassiert, bis zu 80 Prozent des Lohns.“

Erst 20 Jahre nach seiner Deportation war Flavio Lisboa wieder ein freier Mann: „Pünktlich zur WM 1982 haben sie uns erlaubt, Bom Fim auch ohne Antrag verlassen zu dürfen.“ Eigentlich war es nur die Reaktion darauf, dass es inzwischen keine Insel mehr war. Immer mehr Hütten der Favelas entstanden an den Rändern der Bucht, immer wieder wurde neues Land aufgeschüttet und für die letzten 200 Meter schließlich eine Brücke gebaut. Villa Nova heißt der neue Stadtteil, der direkt an Bom Fim grenzt und in dem Menschen leben, die sich teure Wohnungen in Sao Luis nicht leisten können.

Auch Flavio Lisboa zog nach Villa Nova: „So konnte ich Arbeit bekommen, mit einer Adresse von Bom Fim hätte mich doch kein Chef eingestellt.“ Mehr als zehn Jahre lang schuftete er hart, zerstörte dabei seine durch Lepra bereits geschädigten Hände und Füße. „Man hat mir nur gesagt, dass ich geheilt bin. Worauf ich aufpassen sollte, damit das nicht passiert, habe ich erst viel später erfahren.“ Dabei hebt er seine Hände zur Anklage der Ärzte, die es doch eigentlich hätten wissen müssen.

Irgendwann konnte er nicht mehr arbeiten, bekam eine kleine Rente, zog zurück in sein Elternhaus nach Bom Fim. Und war dabei nicht allein: „Viele andere kamen auch zurück, weil sie mit dem Leben da draußen nicht klar kamen. Hier sind wir unter uns, hier ist niemand, der uns beschimpft oder beleidigt, hier macht keiner vor Abscheu einen Bogen um uns. Hier sind wir Menschen.“

Flavio vor seinem Elternhaus in Bom Fim.

Flavio vor seinem Elternhaus in Bom Fim.

Als „freiwilligen Gefangenen“ bezeichnet Lisboa sich selbst. Die Kolonie, aus der er früher gern geflohen wäre, gibt ihm heute Schutz. Doch langsam entdecken auch reiche Leute diesen Ort: „Die Strände sind fast überall Privatbesitz. Wer über Geld und gute Beziehungen verfügt, baut sich hier ein Haus für Wochenenden und Ferien. Wir werden hier wohl bald vertrieben.“

Doch Lisboa will hier bleiben, hat in den vergangenen Jahren sein Haus renoviert. Das Geld, das er als Entschädigung für seine lange Haft in der Kolonie bekommen hat, steckt nun in seinem Haus. Schön ist es geworden und zweckmäßig, weil er alles auch mit seinen zerstörten Händen bedienen kann. Auch einen Fernseher hat er sich gekauft, sieht sich jedes Spiel gemeinsam mit seinen beiden Söhnen an.

„Ich bin natürlich stolz, dass Brasilien die WM ausrichtet, aber ein paar Nummern kleiner hätte auch gereicht. Das Geld, das für die teuren Stadien ausgegeben wurde, fehlt nun in den Krankenhäusern, Schulen und Kindergärten. Auch die Busfahrkarten werden immer teurer.“

Über den ehemaliger Stürmer Ronaldo, dem er früher zugejubelt hatte, kann Lisboa heute nur noch müde lächeln: „Er hat ja die viel zu hohen Kosten verteidigt und gesagt, in Krankenhäusern könne man halt nicht Fußball spielen. Offenbar hat er vergessen, woher er selbst stammt, denn Fußball spielen können wir überall. Nur in den VIP-Logen der Luxus-Stadien kann man keine Lepra heilen. Aber die Politiker wollen uns ohnehin lieber verschweigen und vergessen.“

Dabei zieht er seine speziellen Schuhe an, setzt seine Mütze auf und geht hinaus. In die Kirche, beten, wie jeden Tag. Manchmal betet Flavio Lisboa für ein gutes Ergebnis seiner Mannschaft, manchmal für die vielen anderen Menschen, die wegen Lepra kein normales Leben führen können, manchmal dankt er Gott einfach, dass es ihm heute relativ gut geht. Aber immer betet er dafür, dass seine Söhne nicht an Lepra erkranken werden.

Flavios Pokale-Sammlung im heimischen Wohnzimmer.

Flavios Pokale-Sammlung im heimischen Wohnzimmer.

 

 

Über sl4lifestyle

Journalistin aus Leidenschaft, Tierschützerin mit Hingabe und neugierig auf das Leben. Ich stelle Fragen. Ich suche Antworten. Und ab und zu möchte ich die Welt ein Stückweit besser machen ... Manchmal gelingt es!
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2 Antworten zu „Hier sind wir Menschen!“

  1. Ken Takel schreibt:

    Und eine schicke Mütze hat er :o)

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