
„Ich hatte aufgehört, Tageskleider zu tragen. Auch wenn die meisten Frauen der in Marokko lebenden Ausländer sie noch bevorzugten, fühlte ich mich bei der Hitze zu eingeengt von den eng anliegenden Oberteilen und hatte bemerkt, dass sich schwingende Röcke leicht an den rauen Mauern der Gassen verfingen. Stattdessen hatte ich ein paar Caprihosen aus den Tiefen meines Koffers geholt, die ich zu Hause bisher nicht zu tragen gewagt hatte, und ein paar einfarbige Blusen, die mir für dieses Klima eher passend erschienen.“
Es ist ein perfides Psychospiel zwischen zwei Frauen, erzählt aus zwei Ich-Perspektiven. Es führt uns tief hinein in das schwülheiße Klima von Tanger im Jahr 1956. In der marokkanischen Stadt am Meer brodelt es, das Land steht kurz vor seiner Unabhängigkeit. Bei den Bildern, die im Roman beschrieben werden, erinnerte ich mich unweigerlich an den Film „Casablanca“.
Denn auch hier geht es um Liebe, Leidenschaft und Verrat. Im Mittelpunkt stehen die beiden Frauen Alice und Lucy, beide teilten einst ein Studentenzimmer an ihrem College in Vermont und waren unzertrennlich. Damals geschah etwas, das die enge Freundschaft der beiden ins Wanken brachte und schließlich abrupt beendete. Alice heiratet, verschwindet nach Tanger, doch Lucy gibt nicht auf, ihre einst und noch immer so heiß geliebte Freundin wiederzufinden, mit allen Mitteln.
Ich habe diesen Roman in einem Rutsch durchgelesen, er hat mich nicht mehr losgelassen, wo besser auch, als in Marokko während eines Kurzurlaubes. Ein Buch, das zeigt, dass die Grenzen zwischen Gut und Böse, Normalität und Wahnsinn fließend sind und dass das Drama des Buches jeden von uns auch passieren kann. Die Frage, ob und wie man sich davor schützen kann, ist eine andere.
Christine Mangan: Nacht über Tanger, 367 Seiten, als Taschenbuch 10,99 Euro.

