Eine literarische Schnitzeljagd

Lowell (Large)Von Gastautorin Züs Bünzlin

Zum Lese-Donnerstag ein Roman für Brontë-Fans, aber nicht nur. Auch Literaturwissenschaftler dürften ihren Spaß mit der Lektüre haben, geht es doch um die große Entdeckung, dass „die Fiktion realer als die Realität“ sein kann und um die verschiedenen Spiegelungen dieser Feststellung.

Für alle anderen Leser, die einfach nur gut unterhalten werden wollen, finden sich sowohl eine Liebesgeschichte, als auch ein Nachruf auf einen geliebten (aber nur allzu menschlichen) Vater.

In dieser literarischen Schnitzeljagd, nimmt Lowell mit ihrer Protagonistin eine eher ungewohnte Perspektive ein: Diese Samantha Whipple ist nämlich eine direkte Nachfahrin der Brontës, die nun ihr Literaturstudium in Oxford aufnimmt.

Konfliktträchtig wird dieses Studium nicht allein durch den Verwandtschaftsballast, sondern auch durch die Trauer über ihren kürzlich verstorbenen Vater, einem Bestsellerautor, der im Besitz einer ominösen Brontë-Hinterlassenschaft geglaubt wird.

Dieser Vater nun, hat sein Erbe für Samantha in Form einer semantischen Schnitzeljagd hinterlassen, das zu Irrungen und Wirkungen im Literaturverständnis und akademischen Literaturbetrieb führt.

Die Suche nach dem Erbe entpuppt sich immer wieder als die Frage danach, wieviel Realität in einem Roman stecken kann. Gleichzeitig wird für Anne Brontë eloquent eine Lanze gebrochen, ihr Einfluss auf die wesentlich berühmteren Schwestern hervorgehoben.

Das geschieht mit unglaublich viel Freude an der Fabulierkunst und Vergleichen, die beim Leser hängen bleiben: So liest man von „tyrannischen Dozenten wie aus Grimms Märchen“ oder auch mal davon, dass Samantha, die vor der Bürotür eines Dozenten eingeschlummert ist und dort liegend vorgefunden wird, „wie eine griechische Tragödie“.

Sehr plastisch. Und durchaus amüsant.

Allerdings bin ich als Leser nicht ganz d’accord mit der Feststellung, „einen vollendeten Roman in Frage zu stellen führ(e) lediglich und unvermeidlich dazu, dass man das zerstör(e), was man schützen will“. Denn Gott sei Dank habe ich das anders erfahren dürfen: Ein guter Roman hält das locker aus.

Die Frage geht nur an mich als Leser: Wann bereichert ein Hinterfragen die eigene Lektüre und wie stelle ich es an, dadurch nicht etwas Liebgewonnenes für mich zu ruinieren?

Hier möchte ich mich unakademisch aus dem Diskurs stehlen: Folgen Sie einfach Ihrem Herzen :-).

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Über sl4lifestyle

Journalistin aus Leidenschaft, Tierschützerin mit Hingabe und neugierig auf das Leben. Ich stelle Fragen. Ich suche Antworten. Und ab und zu möchte ich die Welt ein Stückweit besser machen ... Manchmal gelingt es!
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