Heimat II

„Der Mensch hat immer eine Heimat und wäre es nur der Ort, wo er gestern war und heute nicht mehr ist. Entfernung macht Heimat, Verlust Besitz.“

Alexander von Villers
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Kurz nachgebellt: Masuren – Mein Hundeparadies

P1140580 (Large)Kein Vergleich mit Gassigehen, es ist einfach die Unendlichkeit der Natur! Was gibt es schöneres für einen Vierbeiner wie mich, als sich so richtig auszutoben …
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Wie ein Mädchen aus Masuren!

„An einem dieser Sommerabende, kurz vor dem letzten unserer Gespräche, saßen wir, Stille atmend, vor ihrem Haus und blickten hinauf zum Sternenhimmel. Um uns war es friedlich, warm duftend nach Großstadtmeer. In diesem Moment, dort auf der Steintreppe schien Vera Lehndorff wie der Zeit enthoben – unverstellt und schwerelos, eins mit sich und der Natur, wie ein Mädchen aus Masuren.“

aus „Veruschka“ von Jörn Jacob Rohwer
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Schweden: Bullerbü und Co.

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(Auszüge aus meinem Tagebuch vom Sommer 2011)

Malmö

Mein CouchsurfingP1020580 (Medium)-Abenteuer beginnt in Malmö. Meine erste Anlaufstelle ist Emma, ich habe sie über die Couchsurfing-Website kennen gelernt. Ich hatte mir ihr Profil angesehen und sie kontaktiert. Sie ist auch Journalistin. Sie lebt mit ihrer kleinen Tochter Lova und der Japanerin Kakuko mitten in Malmö. Als ich ankomme, sind gerade ihre Eltern zu Besuch, sie wohnen in Lappland, rund 1600 Kilometer weiter nördlich in einem Dorf mit 40 Einwohnern. Von dort kommt ursprünglich auch Emma. Nach dem Abendessen sitzen wir noch beisammen und unterhalten uns. Ich fühlte mich wohl. Die erste Couchsurf-Adresse hat geklappt. Ich schlafe nun für zwei Nächte in einem kleinen Zimmer auf der Couch. Zwar ist die Couch ein wenig kurz für mich, aber wenn ich mich halb quer lege, passt es! Vor der Couch liegt eine noch nicht installierte Waschmaschine, doch ein Gang ist dazwischen, so dass ich aufstehen kann. Emma hat sich dafür entschuldigt, dass das Drumm noch nicht angeschlossen wurde, aber es gibt Schlimmeres!
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Die Japanerin Kakuko ist sehr aufgeschlossen und hat das größere Zimmer in Emmas Wohnung für den Sommer gemietet. Sie lernt in Malmö Schwedisch, ist Lehrerin und möchte mehr über das schwedische Erziehungssystem erfahren. Ursprünglich lebt sie im südfranzösischen Lyon. Also ein lustiger Sprachmix aus Englisch, Französisch und ab und an ein paar Wörtern schwedisch, den wir hier an Emmas Küchentisch aufführen.

Heute war ich in Malmö unterwegs, doch es regnete den ganzen Tag. Die Stadt finde ich nicht allzu prickelnd – eine Hafenstadt mit ganz schöner Altstadt. Zum Eingewöhnen aber ganz gut. Morgen fahre ich mit dem Zug nach Göteborg und damit meiner nächsten Couchsurfing-Adresse entgegen.

Zugfahrt nach Göteborg

Zugfahrt nach Göteborg

Göteborg

Auch diese Episode überstehe ich bestens. Ich logiere bei Yvonne, hoch über den Dächern von Göteborg. Sie hat ein nettes, individuell eingerichtetes Appartement auf einem Hügel mit einem großartigen Blick über die Stadt. Wir treffen uns an der Straßenbahnhaltestelle. Sie hat sich das ganze Wochenende Zeit für mich, den Couchsurfer, genommen und fragt mich gleich, ob ich lieber auf ein Konzert in den größten Vergnügungspark Skandinaviens möchte oder ein wenig in der Natur herumbummeln will. Ich entscheide mich für die Natur.
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So wandern wir über drei Stunden durch einen faszinierenden Märchenwald nicht weit von ihrer Wohnung bis zu einem See, wo wir picknicken. Die Schweden lieben die Natur, sind bis spät abends draußen, baden in einsamen Seen oder joggen. Am nächsten Tag zeigt mir Yvonne Göteborg. Wir gehen auch ins Kunstmuseum, besuchen dort das Hasselblad-Center mit tollen Fotografien.
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Später essen wir in einem Terrassencafé auf Göteborgs Prachtstrasse zu Abend. Es ist der erste sonnige und warme Tag für mich in Schweden!
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Småland

Mit dem Bus fahre ich weiter vier Stunden ins Landesinnere nach Småland – zu den Orten, wo Astrid Lindgren aufgewachsen ist und die Schauplätze ihrer Bücher sind. Ich habe keine Unterkunft, doch die Touristeninformation ist sehr hilfreich und vermittelt mir ein nettes und preisgünstiges Einzelzimmer mit Bad in der lokalen Volkshochschule. Im Moment stehen die Seminarhäuser leer und sind für Touristen zugänglich. Sehr gepflegt, sauber und mit viel Grün drum herum. Der Ort ist fünf Minuten Fußmarsch vom Marktplatz entfernt, und das Stadtzentrum ähnelt einer Puppenstube. Holzhäuser leuchten in rot, gelb, blau, inmitten von grünen Wäldern, Wiesen und blauen Seen.
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Nun auf zu Astrid Lindgren, um die Helden meiner Kindheit persönlich kennen zu lernen. Hier sieht es wirklich idyllisch aus. Bei Sonnenschein sogar paradiesisch. Mit dem Wetter habe ich nicht nur Glück. Es regnet fast täglich, meist kommt am Nachmittag die Sonne heraus.
P1020793 (Medium)Am nächsten Tag besuche ich in Vimmerby im Stadtteil Näs das Geburtshaus von Astrid Lindgren mit dem modernen Dokumentationszentrum. Da haben sich die Verantwortlichen etwas wirklich Großartiges einfallen lassen. Es ist sowohl für Kinder wie auch Erwachsene interessant. Die Nachfahren leben immer noch dort, im Nebenhaus, so dass die Privatsphäre eingehalten werden muss, wenn man das Grundstück betritt.

Hier wurde Astrid Lindgren 1907 geboren.

Hier wurde Astrid Lindgren 1907 geboren.

Die Schriftstellerin Astrid Lindgren.

Die Schriftstellerin Astrid Lindgren.

Pippis Limonadenbaum.

Pippis Limonadenbaum.

Der Vergnügungspark „Astrid Lindgrens Welt“ ganz in der Nähe ist dann doch eher ein Paradies für Kinder. Schauspieler verkörpern die Protagonisten aus Lindgrens Büchern und detailgetreu wurden hier die Plätze nachgebildet. Es gibt die Mattisburg, den Wald der Brüder Löwenherz, Bullerbü, Michels Lönneberga, die Krachmacherstrasse, und vieles mehr. Die Häuser sind so, dass Kinder in sie hineingehen und spielen können. Wunderbar – dieser Vergnügungspark! Das schwedische Modell, die Lindgren-Familie hat auch nie zugestimmt, dass zum Beispiel in Deutschland so etwas entstehen kann. Jedem von Euch, der Kinder hat, kann ich den Besuch nur empfehlen.
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Auch habe ich mich mit Astrid Lindgrens Nichte unterhalten. Sie spricht fließend deutsch. Eine gute Vorbereitung für meine Vorträge über die Schriftstellerin in den nächsten Monaten.

Astrid Lindgrens Nichte Gunvor Runström.

Astrid Lindgrens Nichte Gunvor Runström.

Ich habe mir ein Fahrrad geliehen, um mir die entfernter liegenden Plätze wie Sevedsthorp (Bullerbü mit den drei Höfen) und Katthult (wir kennen es als Michels Lönneberga) zu besuchen. Bullerbü liegt rund 15 Kilometer entfernt und Katthult 25 Kilometer. Ich fuhr auf einer Straße durch den Wald. Ich bin kaum Autos, geschweige denn Menschen begegnet. Die vereinzelten Holzhäuser lagen verlassen da. Dann fing es an zu regnen. Ich zog mein pinkfarbenes Regencape an (Neiiin, ich wurde nicht mit Rotkäppchen verwechselt!) und steckte meinen Tagesrucksack in eine Plastiktüte. Das Unwetter wurde immer schlimmer. Weit und breit kein Unterstand. Endlich fand ich Zuflucht in einem Bus-Wartehäuschen. Es blitzte und donnerte heftig. Ich bin ein recht furchtloser Mensch, aber vor Gewitter habe ich Respekt. Und dann schlug direkt gegenüber der Blitz ein. Eine grelle zuckende Säule. Mein Gott, das war unheimlich!
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Irgendwie verpasste ich die Abzweigung nach Bullerbü (auf dem Rückweg stellte ich fest, dass es die gar nicht gab! Bis heute habe ich keine Ahnung, wie man da nun per Rad hinkommt) und fuhr insgesamt 25 Kilometer nach Katthult. Hier in dem kleinen Weiler bei Rumskulla wurde Michel gedreht, und die Höfe stehen für Besucher offen. Besichtigen kann man die Häuser jedoch nicht, da sie bewohnt sind. Aber es ist alles noch so, wie wir es aus den Filmen kennen.
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Nach 50 Kilometern auf dem Fahrrad bin ich am Abend wieder in Vimmerby.

Stockholm

Mit dem Zug fahre ich nach Stockholm, meiner letzten Station. Da logiere ich ganz gewöhnlich in einem Hotel, mit Couchsurfing hat es diesmal nicht geklappt.
Mein letzter Abend in Schweden. Ich komme gerade aus dem Casino. Ja, genau, es liegt in der Nähe meines Hotels und ich habe einen vergnüglichen Abend verbracht. Nicht, dass ich selbst gespielt habe, aber ich habe zugeschaut. Und das war super spannend. Die Gesichter, wenn sie verlieren (oft) oder wenn sie gewinnen (selten). Viele Asiaten, die meisten Frauen kommen alleine und stehen oder sitzen am Roulette-Tisch. Ein kurzes Zucken in den Mundwinkeln, wenn die Jetons verloren sind, ein glückliches Lächeln, wenn sie sich vermehren. Eine Psycho-Studie im wahrsten Sinne des Wortes. Ich stand daneben und habe nur beobachtet.
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Zu Stockholm: Mir fehlen die Worte, diese Stadt ist der Wahnsinn. Sie hat einen Platz als eine der schönsten Städte auf meiner Liste bekommen. Eineinhalb Tage war ich unterwegs und habe mir vieles angesehen. Einfach nur faszinierend. Und mittlerweile gibt es sogar das ABBA-Museum in Stockholm. Es wurde vor wenigen Wochen eröffnet. Ich denke, wenn Ihr schon vor Ort seid: Unbedingt ansehen!

Hejdo aus Stockholm!

Hejdo aus Stockholm!

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Heimat I

„Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl.“

Herbert Grönemeyer
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Gastautorin Sara Nelke: Begegnungen

P1130151 (Medium)Sara Nelke ist ihr Pseudonym. Geboren 1940 im kolonialen Indochina kommt sie Anfang der 1960er Jahre zum Studium nach Paris. Viele Jahre lebt sie in Frankreich, arbeitet als Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin. Ich begegnete ihr vor ein paar Jahren in Paris. Seitdem sind wir befreundet. Ihre Kurzgeschichten sind immer auch ein Stückweit autobiografisch.

Sie sitzt am Tisch in einer Bar. Die Musik spielt leise im Hintergrund. Sie schreibt, kritzelt Sätze, streicht sie wieder durch. Die Tür geht auf. Sie blickt hoch und sieht ihn, wie er langsam hereinkommt, die Treppen hinuntergeht.

Seine schwarzen Haare und dunklen Mandelaugen fallen auf. Das Licht erfasst ihn nur für einen Moment. Fasziniert schaut sie ihn an. Eine besonder Aura umgibt ihn. Er wirkt fremd, exotisch, geheimnisvoll. Auch er ist allein. Er bleibt an der Bar stehen. Bestellt sich einen Drink.

Sie zündet sich eine Zigarette an und betrachtet ihn wieder. Nach zwei Zügen zerdrückt sie sie im Aschenbecher. Sein Blick fällt auf sie. Begegnet den ihrigen. Immer wieder – Minuten, Stunden, Ewigkeiten. Sie gestikulieren nicht, sie lächeln sich nicht an. Die Blicke verharren. Sie können sich nicht mehr voneinander lösen.

Es wird versucht, Vergängliches aufzuhalten, nur für den Augenblick. Nicht für immer. Die Vergänglichkeit des Moments ist beiden bewusst. Er schiebt ihr einen Zettel zu. Darauf: Ein flüchtiges Fragezeichen. Schnell dahingekritzelt. Aus Angst, diese Begegnung könnte bereits Vergangenheit sein? Oder aus Angst, etwas Wichtiges zu verpassen? Sie weiß es nicht.

Sie nickt. Er kommt auf sie zu, an ihren Tisch. Wortlos setzt er sich, blickt sie an. Sie blickt ihn an. Sein Antlitz ist wunderschön. Er redet. Verharrt im Blick antwortet sie. Dann Schweigen. Gemeinsam gehen sie. Wortlos folgt sie ihm.

Sein Zimmer. Ein alter Holzschrank, ein Sofa und in der Mitte ein einfaches Bett. Schweigend küsst er sie. Sanfte Lippen pressen sich auf ihre. Verlangend erwidert sie seinen Kuss. Sein Hände ziehen sie aus, legen sie auf das Bett. Ihre Körper vereinen sich, verschmelzen. Dann liegen beide mit offenen Augen da. Schweigen. Er schläft ein. Sie blickt auf ihn, auf dieses wunderschöne, ebenmäßige Antlitz. Sie bemerkt ein kleines Muttermal auf seiner rechten Wange. Es unterstreicht die Besonderheit dieses Gesichts. Sie steht auf, zieht sich an und geht.

Lange begegnen sie sich nicht mehr. Dann, zufällig, treffen sie sich wieder. In einer anderen Bar. Man sieht sich, lächelt sich an. In ihren Blicken sind Harmonie und stillschweigende Übereinstimmung. Wieder diese langen, intensiven Augenblicke. Sie gehen nicht mehr aufeinander zu. Der Moment der Vergangenheit ist vorüber. Unwiderruflich. Die Faszination bleibt. Die vorhandene Leidenschaft wird unterdrückt. Man geht auseinander. Ohne Gruß, nur mit dem gleichen intensiven Blick. Einige Male noch treffen sie sich. Zufällig. Und sie verlassen sich wieder. Diese eine Nacht der Leidenschaft lebt nur noch in der Erinnerung. Eine schöne, nicht mehr zerstörbare Erinnerung.

Sie treffen sich ein letztes Mal. Sie erfährt, dass er nach wenigen Tagen für immer aus ihrem Leben gehen wird. Sie begreift es. Diese Tage könnten zur Ewigkeit werden. Sie sehen sich an. Sie nimmt sein Antlitz in sich auf mit dem Bewusstsein, ihn nie wieder zu sehen. Sie geht. Er folgt ihr. Ein letztes Mal umarmen sie sich, küssen sich. Schweigend. Dann verlässt er sie. Mit ihm geht ein Traum, ihr Traum. Irgendwann wird sie wieder ausgehen. In andere Bars. Auf der Suche nach einem Gesicht, seinem Gesicht.

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Fotos der Woche – Turkish Delights

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Istanbul, June 2013

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Foto der Woche – For Cat Lovers

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Kurz nachgebellt: In einem polnischen Beauty Salon

Als ich im Urlaub in Polen war meinte Frauchen, es sei an der Zeit für den Waschsalon, ähhh, Wuff, den Hunde-Schönheitsparlour. Angeblich hätte ich ein wenig gemüffelt, und sie wollte sich mit mir nicht blamieren. Also dann, hier seht Ihr, wie es war!
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Im Wartezimmer!

Im Wartezimmer!

Es geht los! Viel zu viel Shampoo!

Es geht los! Viel zu viel Shampoo!

Bloß raus hier!

Bloß raus hier!

Bitte ganz sanft abrubbeln!

Bitte ganz sanft abrubbeln!

Auch das noch: Der Föhn! Vorsicht - die Ohren!

Auch das noch: Der Föhn! Vorsicht – die Ohren!

Einschmeicheln muss sein. Vielleicht komm' ich dann eher raus!

Einschmeicheln muss sein. Vielleicht komm‘ ich dann eher raus!

Auch noch unten herum!

Auch noch unten herum!

Jetzt wird's langweilig!

Jetzt wird’s langweilig!

Endlich fertig! Der neue Gaston, parfümiert und gepudert! Frauchen freut sich!

Endlich fertig! Der neue Gaston, parfümiert und gepudert! Frauchen freut sich!

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Gastautorin Stefanie Lucia Mayer: Fußball, Fußball …

fuer sabine ludwig (Medium)Ich bin 35 und Single – viel mehr Worte braucht es kaum, viel mehr Worte habe ich aber, genau genommen Wörter. Und von denen habe ich viele. Sie liegen auf der losen Zunge und so fallen sie aufs Papier. Brisant, bizarr, berührt, bedrückt, bezaubernd und ebenso belanglos.

Jedenfalls habe ich viele kleine Geschichten, über die Jahre, über die Liebe, das Leben und den ganzen Rest, keine vernünftigen Ratschläge, keine neuen Erkenntnisse, nur Fragmente, nur Momentaufnahmen. Und vielleicht auch nie ganz und im nächsten Augenblick sogar sicher schon gar nicht mehr wahr.

Cat Next-Door

Foto: privat

Anstoß! Heißt das so? – Meine erste Geschichte!

Fußball, Fußball …

Alle schreien „Tor, Tor“, ich schreie auch, ist gar nicht so schwer … und noch eins, och nö, doch nicht, fast alle machen „äh“, ich lass es, muss mich an mein erstes Gegröle erst noch gewöhnen, beim nächsten „oooh“ mach ich wieder mit, hmmm, keine Euphorie, ich fühl mich ein bisschen verkleidet, aber ich ziehe es an und durch … ein toller Abend … aber ohne Luis Figo macht mir Fußball keinen großen Spaß. Ob es den anderen Frauen genauso geht?

Anscheinend nicht, sie erklären lässig die Abseitsregel und sind sehr stolz dabei, als wär’s die Quadratur des Kreises. Ich bin entsetzt, können wir Frauen uns noch kleiner und blöder machen, wir lernen die ersten Gedichte im Kindergarten, wir machen Abitur, leiten Firmen und lösen hoch komplizierte Gleichungen und nun tun wir so als wär `ne Regel, die schon kleine Jungs verstehen, für eine durchschnittliche Frau ein Riesenproblem und ein Großereignis, wenn wir sie auch runterbeten können.

Nun ja, alle prahlen mit ihrem einstudierten Fußballwissen, eine übertrumpft die andere lautstark, ja hoffentlich hören die Männer, was für gebildete Weibchen sie da haben, geschmückt in SchwarzRotGold, die Brüste versteckt unter der schicken Schlandburka. Ich schau mich um. Eine Metro-Sexuelle-Pärchenfrau will sich besonders hervortun, ihr Mann ist nämlich gerade ungehorsam und beachtet sie zu wenig Er analysiert doch nicht tatsächlich das Spiel mit einem anderen Mann?! Ich schaue ihr gespannt zu, sie nickt heftig mit und haut noch ein paar gut eingeprägte Sachen raus, wieder im Ballbesitz wittert sie eine Torchance, das Tor scheine in diesem Falle ich zu sein. Hat sie bemerkt, dass ich ihr Getue nicht ganz ernst nehme und ihren Anpassungswillen zutiefst verachte? Sie wirft also erneut die abgeschmackte Abseitsregel in die Runde: „Wir Frauen verstehen die auch, stimmt’ s?!“

Sie guckt mich herausfordernd an. Natürlich tue ich das, zucke aber trotzdem hilflos mit den Schultern und stelle mich dumm. Die Singlemänner um mich herum freuen sich ein bisschen, es gefällt ihnen, sie sind klüger als ich. Die Regelexpertin freut sich auch über mein Unvermögen, eins : Null, ihr Freund ist stolz auf sie, was bleibt ihm auch übrig, irgendwann glaubt man ja alles. Ich freue mich, dass sich alle für meine Blödheit so unglaublich freuen können … meine Güte, ist das hier öde, ich brauche mehr Alkohol! Bier und Piña Colada sind im Angebot. Ich denke, der Cocktail ist für die Männer.
Ich bestelle mir einen Wodka-Martini und warte. Der Rest philosophiert immer noch über dieses Spiel, ich über ein anderes.

Also, wieso dürfen Männer denn eigentlich nicht mehr wie früher alleine „Fussi-Gucken“ (so ein doofes Wort – ist das „i“ eigentlich auch für uns Frauen?) gehen? Wann hat das begonnen, dass wir Frauen ihnen das Bier wegsaufen, statt ihnen eines zu bringen? Oder die Männer uns beim Shoppen begleiten? Auch was, womit ich mich noch nie so recht anfreunden konnte, also nicht, dass man mal zusammen Einkaufen geht, das kann durchaus schon Spaß machen, aber dieses generelle gemeinsam „Samstag durch die Geschäfte hetzen“ -was denken sich die, vor den ganzen Umkleiden geparkten Männer, die, wenn ich sie mir ansehe, nicht alle nach wirklichen Fashionistas aussehen – gelangweilt gucken oder lächeln, wenn Claudi den Kopf aus der Kabine steckt und sagt: „Schatz, hol mir das Kleid doch büdde nochma in M“, sicherlich doch nicht, „Wie schön, jetzt passt ihr endlich ’ne Nummer kleiner“.

Vielleicht versuchen sie sich mit „Blicken-in-die-anderen-Kabinen-erhaschen“ abzulenken, um trotzdem den Vorzeigefreund, den Mann des 21. Jahrhunderts zu verkörpern und sich in dieser Rolle trotzdem noch irgendwie zu ertragen. Und wir Frauen? Sind wir neuerdings nur eine perfekte Freundin, wenn wir mit unseren Männern immer gleicher werden oder haben wir die Dinge einfach nicht richtig verstanden? Ist alles ein riesiges Missverständnis und jetzt fügen wir uns unserem selbst gemachten Schicksal?

Ein Freund sagte mir mal, wenn Männer sagen, sie wollen eine sportliche Frau, dann meinen sie damit eigentlich nicht eine, die ihnen auf dem Mountainbike, dem Rennrad oder in den Asics die Show stiehlt, sie meinen schlicht, sie bevorzugen einfach eher den schlanken Typ. Also hübsch verschlüsselt. Und wenn es sich nun ähnlich mit dem Fußball verhält? Wollten sie vielleicht nur Verständnis dafür zum Fußball gehen zu dürfen, Spaß zu haben unter Männern, Bier trinken und ein bisschen Mann sein dürfen? Vielleicht hätte man lieber die Hunde nicht wecken sollen, vielleicht hätte man doch lieber den samstäglichen Streit oder welchen Tag auch immer in Kauf und wie ein Mann nehmen sollen, statt versehentlich und seitdem ständig seine Frau, wie einen brünftigen Bullen neben sich blöken zu hören, und sich dann lieber von ihr, in ihrem neuen und ganz selbstständig ausgesuchtem Paar Schuh, abends betrunken und glücklich aus der Kneipe abholen, das bisschen Gemecker über sich ergehen und nach Hause chauffieren lassen? Und dafür am nächsten Tag nach der Sportschau mit ihr – vielleicht nicht den großartigsten – aber immerhin noch – Sex zu haben, statt sie nun regelmäßig mit ihr anzuschauen.

Nun, ich stehe weiter an der Bar, meine Bekannte betrinkt sich, ihr Freund wird fahren. Ja, 2012 – angekommen. Liebe Emanzipation, ich gratuliere Dir, du hast es weit gebracht, wir wechseln uns brav und äußerst gleichberechtigt mit dem Nachhausefahren ab. Wir Frauen halten das Auswendig lernen der Abseitsregel für erstrebenswert und ein Zeichen von Intelligenz, jawohl, die Anerkennung ist uns sicher, wir bekommen sie endlich und wahrlich verdient.

Nur, wenn ich mich hier so umschaue, bekommt – würde ich mal sagen- die Bedienung die meiste. Aber das scheinen die anderen Weibchen hier nicht zu bemerken, schließlich betrachten sie die Kumpels als die eigentliche Konkurrenz, sie sehen ja fast genauso aus, nur dass den Männern die großen Trikots dann eventuell doch besser stehen. Ich schütte den zweiten Wodka-Martini runter, das muss ich immerhin nicht alleine! Fußballfans sind sehr kommunikativ, einer der Piña Colada-Männchen plappert auf mich ein, ein anderer, der sich dann doch noch etwas mehr nach Mann fühlt plappert lauter. Ich höre nicht zu, lächle aber freundlich.

Jetzt bahnt sich einer, der aussieht wie ein junger Fußballgott und mit sichtlich viel Testosteron den Weg zu mir. Ich hoffe, er erlöst mich, er tut es nicht, er gibt mir seine Nummer und macht einen, ach nee, nicht sein Ernst, Witz über Bälle und Brüste!

Erstaunlicherweise schießt er sich damit dann leider doch ins Aus, was für ein vergeudetes Talent. Ich lasse die und zwei weitere Nummern auf dem Tresen zurück und sehe, dass die anderen zwischenzeitlich wieder bei den Regeln und Verstößen angekommen sind. Ich stelle mich freiwillig ins Abseits, der Kreis schließt sich und der dritte Wodka-Martini hilft.
Meine Freundin kommt nach dem vierten …

Ihr Freund will schon! gehen. Sie versteht nicht, warum ich lache. Der Spielverderber fährt uns nach einer halben Stunde Genörgel ihrerseits und Gedrängel seinerseits endlich heim. Und während sie sich immer noch in ihrem XXL-Schweinsteiger-Shirt seine Anerkennung erhofft und den Ball nicht ruhen lassen kann, denkt er vermutlich einfach an die Frau, die ihm über den ganzen Abend wortlos und bildschön das Bier gebracht hat. Ich sage ihr das nicht und löse auf dem Rücksitz die Quadratur des Kreises – aber auch das sage ich nicht.

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